Prof. Dr. Dietmar Klenke (Universität Paderborn)

Prof. Dr. Dietmar Klenke (Universität Paderborn)

Festvortrag aus Anlass des 30jährigen Jubiläums der Grünen Partei in Paderborn

(Restaurant „Zu den Fischteichen“, Paderborn am 10.1.2010)

Sehr verehrte Damen und Herren von der Grünen Partei, sehr geehrter Herr Bunte-Esders,
wer auf die verwegene Idee kommt, zu seinem 30. Geburtstag einen Historiker als Festredner einzuladen, läuft Gefahr, damit den Bock zum Gärtner zu machen. Denn der Historiker ist von Haus aus ein voyeuristischer Sadist oder, wenn Sie so wollen, ein sadistischer Voyeur, der den Wandel der menschlichen Gesellschaft beobachtet und sich überaus genüsslich daran weidet, wie andere sich mit eben diesem Wandel abquälen. Und in der Tat ist der Wandel in den letzten 30 Jahren beachtlich.

Die Grüne Partei ist heute, so der Blick nicht nur des wohlwollend kritischen Politikhistorikers, in den besten Jahren. Mit dreißig Jahren hat man ein Reifestadium erreicht, das normalerweise mit wachsender Gelassenheit auf eine Periode von Kinderkrankheiten und pubertären Konvulsionen zurückblicken lässt. Wer würde sich schon gern, und das unterstelle ich auch Ihnen, der Prinzipienlosigkeit oder Treulosigkeit bezichtigen lassen, wenn er mit 30 Jahren anders denkt und handelt als mit 5, 10 oder 15 Jahren. Aber genau hier sind wir an einem Punkt angelangt, wo der Historiker als forschender Triebtäter zur Höchstform auflaufen kann. Denn er sieht mit dem untrüglichen Blick des sadistischen Voyeurs, dass der Zeitenfluss in seinem unerbittlichen Fortschreiten niemanden verschont und besonders denen zusetzt, die sich mit dem Wandel schwer tun und glauben, sich gegen ihn stemmen zu müssen. Und in der Tat ist es nicht leicht, die verlorene Jugend betrauern zu müssen und sich dies auch noch von einer Historikerkreatur auf dem Rednerpodest vorführen lassen zu müssen. Aber ich kann Sie beruhigen: Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen eigenen 30. Geburtstag, den ich als Beerdigungsfeier mit schwarzem Trauerflor, Kondolenzritualen, weißem Papier mit schwarzem Rand und Chopins Trauermarsch glaubte inszenieren zu müssen. Nach solch rituell gesättigter Verabschiedung von drei verflossenen Lebensjahrzehnten praller Jugendlichkeit fühlte ich mich sichtlich wohler. Denn ich hatte eine lange, lange Phase der geistigen Pubertät hinter mich gebracht. Insofern bringe ich ein gewisses Verständnis für Ihre Gemütsverfassung anlässlich Ihres 30. Geburtstags auf und werde daher meinen Voyeurismus nach Kräften zügeln.

Wenn ich hier als Historiker vom Wandel predige, dann tue ich dies, weil ich durch die Brille meines Berufsstandes sehen gelernt habe. Fern liegt mir dabei, mit der wirtschaftsliberalen Moderhetorik von der Totalflexibilisierung des globalen Daseins zu liebäugeln. Dafür bin ich ein viel zu konservativer Knochen, als dass ich die Bäume einer marktliberal geläuterten Welt nach dem Zusammenbruch des Kommunismus im Osten Europas in den Himmel hätte wachsen sehen. Gewisse soziale, freiheitliche und ökologische Grundwerte sind und bleiben unveräußerlich, so mein konservatives Credo gleich vorab. Insofern stimme ich mit Ihnen überein und insofern kann ich Ihnen auch von Herzen zum 30. Geburtstag gratulieren.
Als vor 30 Jahren die Grüne Partei aus einer Vielzahl Bunter Listen hervorging und noch den Charme einer quirlig-chaotischen Jugendbewegung verbreitete, wagte man allenfalls in den kühnsten Träumen daran zu denken, dass daraus eines Tages eine staatstragende Kraft werden würde, die sogar im Saarland und in Hamburg mit Christdemokraten anbändeln würde, ganz zu schweigen von der Eroberung von Bürgermeisterposten in Städten wie Stuttgart oder Tübingen. Der Weg dorthin war lang, von schmerzvoll durchlittenen Wechselfällen und Schlingerkursen begleitet, an denen sich die Massenmedien und die Konkurrenz weiden konnten. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie schwer man sich damals im linken Lager großenteils höhergebildeter Jungerwachsener damit tat, die eigenen reformerischen oder gar revolutionären Wunschwelten auf das parlamentarische Alltagsgetriebe unserer pluralistischen Staatsordnung zu beziehen.

Radikalreformerisches Denken hatte vor 30 Jahren eher die Qualität selbstverliebter, zu maßloser Selbstüberschätzung neigender Selbstbespiegelung, als dass die unvermeidliche Mühsal praktisch-politischer Kleinarbeit mit all ihren wenig erhebenden oder gar entnervenden Kompromissen und Machtkämpfen in den Blick geraten oder gar geachtet worden wäre. Für eine Generation von Linken, die solche Haltungen ausgebildet hatten, wurden die Grünen damals zu einem Auffangbecken: für marxistisch beseelte Welterneuerer, für lebensreformerisch gesinnte Individualisten und zivilisationsskeptische Romantiker, für radikaldemokratische Populisten, die den Blick von unten kultivierten, d.h. den Blick des ‚kleinen Mannes’ aus der Warte des akademisch Vorgebildeten; schließlich wurden sie auch ein Auffangbecken für ökologisch und wertkonservativ Besorgte, die den Auswüchsen des Marktkommerzes entgegentreten wollten, und zu guter Letzt ein Auffangbecken für eine Vielzahl unzufriedener, politisch sensibler, aber ideologisch wenig festgelegter Bürger, die vornehmlich aus den gehobenen Bildungsschichten kamen und die eines zu verbinden schien: die Skepsis gegenüber einer scheinbar rational durchorganisierten Berufs- und Konsumwelt, die steif, verkrampft, oberflächlich und unwahrhaftig daherkam, die Marktlogik religiös übersteigert zum unerbittlichen Naturgesetz erklärte und sich von den natürlichen Lebensgrundlagen des Menschen entfremdet zu haben schien.
All dies sah zunächst ganz nach einer Fortsetzung der Jungakademiker-revolte der 1960er und 1970er Jahre aus, nunmehr um das parlamentarische Kampffeld erweitert. Aber die Halbherzigkeit, sich auf den bürgerlichen Parlamentspluralismus einzulassen und damit zähmen zu lassen, wich allmählich der Einsicht, dass mit politischer Romantik und Naivität kaum verantwortliche Politik zu machen war und bekanntermaßen der Weg in die politische Hölle mit guten Absichten gepflastert ist, der übliche Gang vieler Revolutionen von Robesspiere über Stalin bis Mao. Zum symbolischen Trostpflaster der Romantiker unter den Grünen wurde damals die Turnschulbekleidung des ersten grünen Ministers, des hessischen Umweltministers Joschka Fischer.

Der Drang, Verantwortung im politischen Alltag zu übernehmen und erwachsen zu werden, statt in radikalem Maulheldentum zu versteinern, war zu übermächtig, als dass im Rahmen der Grünen Partei eine ungebrochene Fortsetzung marxistischer Umsturzromantik möglich gewesen wäre. Aber diese Traditionen wirkten ebenso nach wie radikaldemokratische Räteideen, die nunmehr in die sprachliche Hülle der sog. Basisdemokratie schlüpften und von dort aus den Grünen eine Zerreißprobe nach der anderen bescherten, bis die Erschöpfung so weit gediehen war, dass ein neuer Realitätssinn um sich greifen konnte. Die Strategie systematischer basisdemokratischer Selbstüberforderung hatte sich schlicht totgelaufen. Man denke nur an die erbitterten Auseinandersetzungen gerade in den universitären Hochburgen der jungen Grünen Partei, wo sich auf der kommunalen Ebene sog. Grün-Alternative Listen als basisdemokratische Hohepriester gebärdeten und sich mit den Kreisverbänden der Grünen, die die Parlamentarisierung konsequenter vorantrieben, trotz zahlloser Doppelmitgliedschaften so heftige Fehden lieferten, dass man als Sozial- oder Christdemokrat seine wahre Freude daran haben konnte. Wenn dabei von mangelnder Politikfähigkeit die Rede war, so war das noch eine beschönigende Beschreibung der schwierigen Startphase der neuen Partei. Gehässige Zungen sprachen damals von einem Polit-Kindergarten, bis die Grünen im Laufe der 1980er Jahre nach etlichen Abspaltungen und Austritten aus Erfahrung klug wurden und die Spielregeln der modernen parlamentarisch-repräsentativen Demokratie beherrschen lernten.

Wenn die Partei in ihren Kinderjahren trotz allen Chaos nicht auseinanderbrach, so hing dies schlicht damit zusammen, dass die etablierten Parteien unfähig waren, vor allem drei wichtige neue Politikfelder angemessen zu besetzen: zum ersten das breite Aufgabenfeld des Umweltschutzes, zum zweiten das weite Feld neuartiger privater Lebensformen jenseits der klassisch-biederen Hausfrauenehe, ein Feld, das dringend neuer politischer und sozialer Rahmensetzungen bedurfte, und drittens das schwierige Feld der Ausländerintegration. Dass selbst bizarre Parolen und Widersprüche der Partei kaum schaden konnten, macht deutlich, wie unattraktiv die drei etablierten Parteien für viele Jüngere vor allem aus den Bildungs-schichten geworden waren, auch wenn diese am Kneipentisch für die Grünen, denen sie ihre Wählerstimme anvertrauten, zuweilen eher Hohn und Spott als Respekt übrig hatten.

Wie bizarr die Grünen damals anmuteten, erlaube ich mir mit einem gewissen Voyeurismus am Beispiel der Verkehrspolitik zu veranschaulichen. Aus heutiger Sicht kaum mehr nachvollziehbar, hatten die Grünen auf diesem Feld zunächst seltsame politische Beißhemmungen, obwohl es dabei doch eigentlich um ureigene grüne Anliegen hätte gehen müssen. Gefangen in altlinker und zugleich neudeutscher Mentalität fiel ihnen in ihrer Gründungsphase kaum auf, dass die Nutzung von höchst emissionsträchtigen Privatautos als Werbeträger für „Atomkraft Nein Danke !-Plaketten umweltpolitisch ein merkwürdiger Widerspruch war. Mir fiel dies damals vermutlich nur deshalb auf, weil für mich als Bürger der Stadt Münster das Fahrrad ein selbstverständliches Fortbewegungsmittel im Alltag war. Der Kampf gegen die Atomkraft hatte damals ähnlich wie der Kampf gegen das sog. Waldsterben einen zu einseitig antiindustriellen und antistaatlichen Akzent, der davon ablenkte, auch das persönliche Umweltverhalten kritisch unter die Lupe zu nehmen. Verwunderlich war dies mit Blick auf das Automobil nicht, teilte doch ein Großteil der Grünen mit vielen anderen Bürgern die spezifisch deutsche Liebe zum Auto, die damals in ihrer libidonösen Qualität bei meinen männlichen Geschlechtsgenossen parteiübergreifend beeindruckende Qualitäten erreichte. In dieses Bild passt, dass die erste Bundestagsfraktion der Grünen 1983 bei ihrer Konstituierung große Schwierigkeiten hatte, jemanden zu finden, der freiwillig in den Verkehrsausschuss des Parlaments ging. Zehn Jahre später wäre das bereits unvorstellbar gewesen, ein heute in Vergessenheit geratener beeindruckender positiver Wandel.

Wie sehr sich auch bei den Grünen seither das Umweltbewusstsein gewandelt hat, mag eine kuriose Begebenheit unterstreichen, die sich 1980 auf einer der Gründungsversammlungen der Grünen in der Stadt Münster zutrug. Dieses geradezu herzzerreißende Ereignis machte damals an linken Stammtischen wochenlang die Runde. Was war passiert ? Auf der besagten Veranstaltung hatte ein Teilnehmer zu bedenken gegeben, dass es der frisch gegründeten Partei um ihrer Glaubwürdigkeit willen gut anstünde, wenn in ihren Versammlungen nicht geraucht würde. Es hatte aber zunächst den Anschein, als ob die Schallwellen, die dieses Ansinnen im Versammlungslokal zu verbreiten suchten, kaum imstande gewesen waren, bis zum Tisch der Versammlungsleitung vorzudringen, da dieser Bereich des Raumes vollständig eingenebelt war von einem Rauchgemisch aus Pfeifentabak und den damals unter Linksintellektuellen ebenso üblichen Gauloises-, Gitanes- oder Rothhändelzigaretten, sofern man sich nicht aus Kostengründen oder aus Gründen lebensreformerisch-romantischer Selbstinszenierung die Zigaretten selber drehte. Der revolutionäre Angriff auf diese angestammten Gewohnheiten löste eine höchst erregte Debatte aus, die schließlich dazu führte, dass ein umweltbeseelter Gegner des parteiinternen Rauchens äußerst entnervt reagierte und demonstrativ die Glut einer gerade aktivrauchenden Zigarette mit dem Strahl einer Wasserpistole zum Erlöschen brachte. Infolgedessen bot der jählings attackierte und durchnäßte Glimmstengel für Sekunden das klägliche Erscheinungsbild eines vorzeitig erschlafften männlichen Geschlechtsteils. Nachdem sich die Versammlung, auf den soeben außer Gefecht gesetzten Luststengel starrend, von dem Schock dieses Überraschungsangriffs erholt hatte, ging ein Freund des aktiven Rauchens zum Gegenschlag über und blies dem Angreifer den ansehnlichen Inhalt eines Aschenbechers direkt ins Gesicht. Die Wellen der Empörung schlugen auf dieser Gründungsversammlung so hoch, dass man sich zu keiner Kompromisslösung zusammenraufen konnte. Bis auf weiteres durfte geraucht werden. Das Glaubwürdigkeitsproblem blieb virulent wie beim vielzitierten kettenrauchenden Arzt, der seinem Patienten dringend vom Rauchen abrät und ihm dabei den Rauch der eigenen Zigarette süffisant ins Gesicht bläst. Die Gegner der Umweltpolitik haben diese Kluft zwischen Alltag und Programmatik weidlich ausgenutzt. Das gleiche Strickmuster begegnete uns noch um 2000 in der Schmutzkampagne der Illustrierten „Stern“ gegen Rezzo Schlauch, den damaligen Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag, dem irriger- oder böswilligerweise ein Vorliebe für Porsche-Sportwagen nachgesagt wurde, um die grüne Verkehrspolitik zu diskreditieren. Dabei hatte Schlauch dem betreffenden Stern“-Redakteur lediglich mitgeteilt, dass er als Jugendlicher den Tag herbeigesehnt hatte, an dem er – auf dem Dorf lebend – den Führerschein in Händen halten würde, um mobiler sein zu können.

Es war den 1990er Jahren vorbehalten, auch im grünen Milieu hehren politischen Anspruch und Alltagsverhalten stärker aufeinander zu beziehen und nicht in altmarxistischer Manier nur bei den sog. herrschenden Klassen und dem von diesen abhängigen Staat sämtliche gesellschaftlichen Übel konzentriert zu sehen. Dieser neue Blick machte bescheidener und selbstehrlicher und ließ die Partei in der Außenwahrnehmung glaubwürdiger und pragmatischer werden.

Auf dem Feld der Verkehrspolitik schwankten die Grünen nach ihren Kinderjahren lange zwischen zwei Extremen: zum einen die Träumerei von total autofreien Innenstädten, wofür grüne Kommunalpolitiker vom Wähler mehrfach hart abgestraft wurden, und auf der anderen Seite eine ernüchternde bis überzogene Kompromisspolitik unter dem Automobilkanzler Gerhard Schröder. Eine Grüne Partei, die nach diesen Pendelausschlägen erwachsen geworden ist und mit intelligenten Anreizen umweltpolitisch zu steuern sucht, wird aus meiner Sicht beste Zukunfts-aussichten haben. Aber der Weg dorthin war schmerzhaft und dornenreich, fiel es den Grünen doch lange Zeit schwer, den Nachweis zu erbringen, dass Marktwirtschaft und Ökologie vereinbar seien. Das war nicht nur ein Problem der glaubwürdigen Selbstdarstellung nach außen, sondern hatte auch im Binnenraum ökosozialistische Hindernisse zu überwinden, die manch konsumgläubigen Bundesbürger oder mittelständischen Unternehmer an das Schreckgespenst von der Ökodiktatur glauben ließ, wenn erst einmal die Fünf-vor-Zwölf-Kassandrapropheten der Grünen an den Schalthebeln der Macht sitzen würden. Das Entgegenkommen gegenüber Schröder hat dann auf die Öffentlichkeit ungemein beruhigend gewirkt, als man sah, dass die Grünen zwar heiß kochten, aber unversehens nur lauwarm aßen. Die Partei sah sich nunmehr gezwungen, hartnäckiger als zuvor nach pragmatischen, aber gleichwohl wirksamen und zugleich glaubwürdigen Wegen zu suchen, Marktfreiheit und ökologische Verantwortung zu einem Ausgleich zu bringen, was in langfristiger Perspektive besser gelang, als es in den 1990er Jahren zunächst den Anschein hatte.

Es gab weitere Felder, wo die Grünen in ihren Jugendjahren beträchtlich hinzugelernt haben. Ich denke etwa an die revolutionäre Wende von 1989, die den europäischen Raum radikal veränderte, aber den Grünen einen schmerzlichen Rückschlag in der Bundestagswahl von 1990 bescherte. Wie in einem Brennspiegel traten in der damaligen Wahlniederlage mentale Erblasten in Erscheinung, vor allem nationalgeschichtliche und marxistische, die die Grünen für weitere zwei Wahlperioden auf die Oppositionsbänke verwiesen. Aber die peinliche Situation, an der 5 %-Hürde zu scheitern und sich von den Bündnispartnern im Osten im Bundestag vertreten lassen zu müssen, nachdem man sich mit der Wiedervereinigung zunächst schwer getan hatte, stellte ein heilsames Lehrstück dar, dass in den 1990er Jahren den Aufstieg der Grünen zu einer respektablen und zugleich staatstragenden Reformpartei vorbereitete. Eine neuartige, die individuelle Verantwortung ernst nehmende Mischung aus Linksbürgerlichkeit und Wertkonservativismus, aus Individualismus, pluralistischer Weltsicht und sozialer wie ökologischer Verantwortung bildete sich heraus. Wieso wirkte hier ausgerechnet der Umbruch im Osten als Katalysator ? Vergessen wir nicht, dass mit dem Zusammenbruch des Ostblocks auch im Westen das überkommene außen- und nationalpolitische Orientierungssystem zugrunde ging, – ein System, das das
Selbstverständnis der Westparteien bis hin zur Gesellschaftspolitik stark geprägt hatte. Teile auch der Grünen verkannten den historischen Einschnitt des Mauerfalls so sehr, dass sie bis zur Volkskammerwahl im März 1990 ähnlich wie Teile der Sozialdemokraten und der marxistischen Altlinken Vogelstrauß-Politik betrieben, indem sie so taten, als könne man über die osteuropäische Revolution zur Tagesordnung übergehen. Teil dessen war die Vorstellung, dass die DDR als unabhängiger Staat weiterexistieren sollte. Im illusionären Blick, dass die DDR-Bürger mit einem anderen, besseren Sozialismus experimentieren sollten, schimmerte zum einen die verständnislose Beobachterperspektive des westdeutschen Nationalbewusstseins durch, zum anderen aber das verdächtig unschöne Motiv, dass eine schwächelnde bildungsbürgerliche Linke im Westen nunmehr die Osteuropäer stellvertretend handeln lassen wollte, um sich selber nicht von altem, museal gewordenen ideologischen Ballast verabschieden zu müssen. Im Übrigen begriff man damals sehr häufig die Teilung Deutschlands als gerechte Strafe für die NS-Verbrechen, – eine wohlfeile westdeutsche Sühnehaltung, für die ausgerechnet diejenigen in Haft genommen wurden, die als Ostdeutsche die Ungnade der geographisch ungünstigen Geburt am eigenen Leibe erlitten hatten und nunmehr von den begünstigten Westdeutschen Kompensationen für das einforderten, , was ihnen über Jahrzehnte hinter dem Eisernen Vorhang an Chancen vorenthalten worden war. Das Fass lief im Osten über, als man befremdet registrieren musste, dass nicht die Freude über die Beseitigung der Zwangsherrschaft im linken Lager Westdeutschlands vorherrschte, sondern eine eigenartige Reserviertheit, die die gebotene historische Solidarität vermissen ließ und sich in politischen Träumereien erging, für die es im Westen offenbar kein praktisch-politisches Bewährungsfeld gegeben hatte. Diese Form intellektueller marxistischer Arroganz abzubauen, stellte eine Herausforderung dar, die die Grünen im Laufe der 1990er Jahre produktiv annahmen. Erst als sie sich nach dieser tiefen Orientierungskrise gefangen hatten, konnten sie zu einem ernstzunehmenden Machtfaktor der deutschen Politik werden. Was sich in der westdeutschen Linken mit der Solidarität für den DDR-Regimekritiker Rudolf Bahro seit 1978 zaghaft angebahnt hatte, nämlich eine nüchtern-schonungslose Betrachtung der marxistischen Gesellschaftsutopie in all ihren Varianten, kam leider auch bei den Grünen erst nach der Wiedervereinigung voll zum Durchbruch, namentlich die Fähigkeit, vom intellektuell hohen Ross praxisferner radikaler Fortschrittsutopien herabzusteigen und den subjektiven Eigensinn des Menschen in einer pluralistischen politischen Welt zu respektieren. Ich gebe zu, dass auch ich damals gewisse Bedenken hegte, als sich mit der Parole „Wir sind ein Volk“ die Perspektive der Wiedervereinigung abzuzeichnen begann. Aber Warnungen aus dem parteigrünen Lager, mit Helmut Kohls vereinigtem Deutschland erlebe überzogenes Wilhelminisches Großmachtdenken eine Wiedergeburt, hielt ich für überzogen. Vor Torheiten wie solch schiefen historischen Vergleichen hat mich damals vor allem ein glücklicher Zufall bewahrt, – der Zufall, dass ich mich in den 1980 Jahren berufsbedingt ca. ein halbes Jahr in der DDR aufgehalten hatte und als geborener Westdeutscher dieses Land außerordentlich gut kannte. Meine darin begründete Freude, dass das zu Recht verhasste SED-Regime beseitigt worden war, ging so tief, dass mich über Jahre linksintellektuelle Debatten über die ohne Zweifel vorhandenen Schattenseiten der Wiedervereinigung gefühlsmäßig befremdeten, um nicht zu sagen abstießen.

Bei den Grünen wie bei den Sozialdemokraten waren ein Ergebnis der Verarbeitung dieses historischen Irrtums neoliberale Pendelausschläge ins andere Extrem, – Pendelausschläge, die um 2000 ihren Höhepunkt erreicht haben dürften. Ich bin sehr erleichtert, dass sich die Haltung der Grünen derzeit in einer guten zukunftsweisenden Mittelstellung zwischen Liberalität und staatlicher Gemeinschaftsverantwortung einpendelt. Vor allem dies dürfte zum beeindruckenden Wahlerfolg in der letzten Bundestagswahl beigetragen haben.

Es gibt ein gesellschaftliches Feld, auf dem die Partei der Grünen nachhaltiger gewirkt hat, als vielen bewusst ist. Ich meine das Problemfeld der Lebensstile und des Geschlechterverhältnisses. Will man hier grüne Identität griffig beschreiben, so lässt sich das Selbstverständnis eines deutschen Durchschnitts-Grünen als das genaue Gegenteil dessen begreifen, was uns an Charakteren im Panoptikum eines Loriot vorgeführt wird. Man könnte es auch anders formulieren: Am Anfang war es auch bei der grünen Bewegung zunächst antibürgerliche Bürgerlichkeit, die bereits die akademische Jugendbewegung der 1960 und 1970er Jahre geprägt hatte und die sich gegen den steif-verkrampften, überregulierten Nachkriegsdeutschen mit all seiner Förmlichkeit in Stellung gebracht und die versteinert wirkenden Geschlechter- und Familienrollen abgelehnt hatte. Eine immense und erfolgsgekrönte Herausforderung war für die grüne Partei, hier aus dem Ghetto einer jungintellektuell zivilisationskritischen Subkultur herauszufinden, um nachhaltige Reformpolitik auf den Weg zu bringen. Auf diesem Feld wird die grüne Partei bis heute als die konsequenteste Kraft wahrgenommen, vor allem wenn um das Verhältnis von Mann und Frau, um das Eigenrecht sexueller Minderheiten und um die gesellschaftliche Neuorganisierung der Kinder- und Jugenderziehung geht. Seit diese Fragen bevölkerungs-, renten- und bildungspolitisch ungemein aufgewertet worden sind, haben sie einen solch hohen Rang auf der politischen Agenda erobert, dass Sie als Grüne auch diesbezüglich neben der Umweltpolitik auf ihre Vorreiterrolle stolz sein können. Es ist mehr als bezeichnend, dass sich auch die Christdemokraten genötigt sehen, auf diesen Feldern bei grüner Programmatik Anleihen zu machen, – ein geradezu dramatischer Wandlungsprozess in historischer Perspektive, wenn man an christdemokratisches Selbstverständnis noch in den 1980er Jahren denkt. Hier hat die von der grünen Partei aufgegriffene Jugendrevolte den realen Alltag der deutschen Gesellschaft in einer Weise verändert wie kaum auf einem anderen Politikfeld, wenn wir von der Umweltpolitik einmal abgesehen.
Was hat all dies, Positives wie Kritisches, zu bedeuten: Nach dreißig Jahren braucht sich die grüne Partei in Deutschland keineswegs zu verstecken. Sie hat trotz gewaltiger Start- und Anlaufschwierigkeiten in ihrer Jugendphase mittlerweile mehr bewirkt, als ihr mit Blick auf das bislang Unerreichte manchmal bewusst ist. Sie hat nicht nur dem Umweltbewusstsein ihren Stempel aufgedrückt, sondern sie ist auch in Lebensstilfragen in beachtlichen Teilen der gehobenen Mittelschichten tonangebend geworden, ohne dass dies massenmedial grell in Erscheinung träte. Sie hat sich nach der Abspaltung marxistischer Gruppierungen neben den Freidemokraten als eine Kraft etabliert, die bürgerliche Individualität und Weltoffenheit auf ihre Fahnen geschrieben hat, wenn auch mit teilweise anders gelagerten Inhalten. Sie teilt mit nicht wenigen Liberalkonservativen die Skepsis gegenüber anonymen Großstrukturen, die sehr leicht zu einem Faktor der Entfremdung und Fremdbestimmung und damit der Verantwortungslosigkeit werden, sowohl in sozialer wie ökologischer Hinsicht. Gerade die anonyme Macht der auf Großbanken gestützten globalen Finanzströme hat uns ja jüngst eindrucksvoll gezeigt, dass die grüne Partei mit dieser Skepsis auf dem richtigen Weg ist.
Ich wünsche mir als Historiker, der sich seit Jahrzehnten mit der Geschichte des modernen bürgerlichen Parteienstaates befasst, eine grüne Partei, die auf dem Weg moderner, sozial wie ökologisch sensibler Bürgerlichkeit und Liberalität selbstbewusst voranschreitet, nachdem sie die Irrwege ihrer Kinder- und Jugendjahre hinter sich gelassen hat.
Ich wünsche der Partei der Grünen aus Auslass Ihres 30. Geburtstages für Ihr weiteres Wirken viel Erfolg, vor allem aber politisches Augenmaß: Hartnäckigkeit und Behutsamkeit zugleich, ebenso zielstrebiges Engagement und zugleich eine Engelsgeduld, Missionsgeist und zugleich Toleranz, vor allem aber eine sichere Hand in allen unvermeidlichen Konkurrenz- und Machtkämpfen, die die Partei auch künftig zu durchstehen haben wird, wenn sie weiterhin erfolgreich für eine soziale, ökologische und freiheitliche Politik einstehen will. Deshalb ein ehrlich herzlich gemeinter Glückwunsch zu Ihrem 30. Geburtstag und viel Erfolg in der näheren und ferneren Zukunft !

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