Delbrück und Salzkotten lehnen Fracking ab

Der Informationsabend der Grünen aus Delbrück und Salzkotten zum Fracking stieß auf große Resonanz und fand ein breites Medienecho. Angesichts der Umweltgefährdungen lehnten die rund 80 Teilnehmer jegliche Aufsuchungsbohrungen ab. Besonders heftige Kritik entzündete sich an mangelhaften Beteiligungsrechten der betroffenen Kommunen und Bürger.

Nachfolgend dokumentieren wir die heutigen (7. März) Berichte von Axel Langer, Westfälisches Volksblatt, und von Annika Falk, Neue Westfälische.

Fracking birgt unbekannte Risiken
Infoabend in Delbrück zur Tiefenbohrmethode zwecks Erdgasgewinnung – Sorge um Grundwasser
Von Axel L a n g e r
D e l b r ü c k / Salzkotten (WV). Fracking ist eine umstrittene Methode, um Erdgas zu fördern, das zwischen Gesteinsschichten eingeschlossen ist. Weltweit operierende Energieunternehmen strecken ihre Fühler auch nach Ostwestfalen aus. Beim Fracking wird bis zu 5000 Meter in die Tiefe gebohrt. Um das Gestein aufzuweiten, sind zahlreiche kleine unterirdische Sprengungen
erforderlich, um anschließend ein höchstbrisantes Gemisch aus Wasser, Sand und bis zu 260 Chemikalien unter Hochdruck in die Gesteinsschichten zu pressen. Was sich wie ein Horrorszenario anhört, ist notwendig, um aus tief in der Erdkruste gebundenen Lagerstätten Erdgas zu lösen und zu fördern.
Im Rahmen einer Informationsveranstaltung der beiden Ortsverbände von Bündnis 90/Die Grünen aus Delbrück und Salzkotten im Hotel Waldkrug über das Fracking wurde am Montagabend deutlich, dass sich beide Städte und auch der Kreis Paderborn eindeutig gegen das Fracking aussprechen.

Zudem beleuchtete beim Infoabend die energiepolitische Sprecherin der Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Wibke Brems, die Hintergründe des Fracking. Wibke Brems erklärte, dass die zumeist in den USA oder Kanada beheimateten Unternehmen in den Jahren 2007 und 2008 die Aufsuchungslizenzen erworben haben. »Es ist grob bekannt, wo sich das Gas befindet, doch die Produktionsbedingungen sind noch völlig unklar. Die Konzerne haben NRW etwa zur Hälfte aufgeteilt, um Voruntersuchungen durchführen zu können«, erläuterte die Gütersloher Landtagsabgeordnete. Ziel sei es, Betriebspläne aufzustellen und eine großflächige Sensoruntersuchung der Gesteinsverhältnisse im Untergrund durchzuführen. Große Sorge bereiten nicht nur Wibke Brems die enormen Mengen an Chemikalien, die in große Tiefen gepumpt werden müssen. »Wir wissen überhaupt nicht, was da an Reaktionen abläuft und wie
die Chemikalien auf das Ökosystem wirken, geschweige denn, wie das Wasser wieder gereinigt werden kann«, warnte Wibke Brems vor unkalkulierbaren Risiken.

Deutlich wurde der Umweltdezernent des Kreis Paderborn, Martin Hübner, der die Zusammensetzung des Chemikalien-Cocktails näher erläuterte: »Wir wissen von etwa 260 Chemikalien, die ganz nach Gesteinszusammensetzung eingesetzt werden. 38 dieser Chemikalien sind hochgiftig, acht sicher krebserregend, sechs vermutlich krebserregend und fünf können das Erbgut schädigen. Das kann man hier nicht erlauben!«, befand Hübner und sorgte für beklemmendes Schweigen unter den rund 75 Besuchern der Informationsveranstaltung.

Im Kreis Paderborn werden jedes Jahr rund 30 Millionen Kubikmeter Trinkwasser gewonnen. Nicht nur der Kreis, sondern auch Bielefeld und die Kreise Soest und Warendorf werden von hier versorgt. »Fracking hier bei uns wäre unverantwortlich«, so Hübner, der erläuterte, wieviel Wasser ein einziges Bohrloch verbrauchen würde: »Ein einziges Bohrloch benötigt so viel Wasser, wie die Stadt München an einem Tag verbraucht. Auf einem Quadratkilometer hätten wir aber bis zu sechs Bohrlöcher. Außerdem ist die Zusammensetzung des Chemikalien-Cocktails ein Betriebsgeheimnis«. Martin Hübner fordert dringend eine Änderung des Bergrechts, um vor der Genehmigung Umweltverträglichkeitsprüfungen durchführen zu können und die Öffentlichkeit zu beteiligen. Bislang sieht das Bergrecht dies nicht vor. Außerdem sieht Hübner riesige Industrieanlagen entstehen, die für viel Lärm sorgen könnten.

Gegen die Förderung des »unkonventionellen Erdgases« wandte sich auch Delbrücks Bürgermeister Werner Peitz: »Es darf nicht sein, dass wir unser gutes Trinkwasser gefährden.«
Auch Ludwig Bewermeier, Fachbereichsleiter Stadtentwicklung der Stadt Salzkotten, ist gegen Fracking. »Wir reden hier nicht von kleinen Löchern, sondern von Bohrungen mit einem Durchmesser von einem bis 1,5 Metern Durchmesser, in die dann mit bis zu 1000 Bar Druck dieses Wasser-Sand-Chemikalien-Gemisch gepumpt wird. Wo das im Untergrund überall hinzieht, ist völlig unklar«, betonte Bewermeier und sagte weiter: »64 Prozent der
Stadtfläche von Salzkotten sind in irgendeiner Form geschützt. Wir setzen unsere Natur und schließlich auch uns selber einem riesigen Gefährdungspotential aus«, appellierte Bewermeier, die Aufsuchungsbohrungen zu unterlassen.

Martin Hübner erklärte, dass der Kreistag Anfang Mai »deutlich Stellung gegen das Fracking beziehen« werde. Aber er appellierte auch an das Land, sich auf Bundesebene für eine Änderung des Bergrechtes einzusetzen und möglichst hohe Bürgschaften von den Unternehmen, die bohren möchten zu verlangen, um das Fracking wirtschaftlich unattraktiver zu machen. Der Kreis Paderborn habe schon festgelegt, dass er keine eigenen Flächen zur Verfügung stellen werde. Zudem forderte Hübner Städte und Gemeinden auf, die Nutzung von Feldwegen zu untersagen. Grund: »Straßen müssen wir bereitstellen, Feldwege können Städte und Gemeinden bereitstellen, müssen dies aber nicht«

Bis der Grundbesitz enteignet wird

Die Fracking-Methode zur Erdgasförderung birgt viele Risiken – auch für die Bewohner des Kreises

VON ANNIKA FALK (Neue Westfälische)

Vor wenigen Wochen hatte die grüne Landtagsabgeordnete Wibke Brems in Altenbeken referiert, in zwei Wochen folgt ein Vortrag in Bad Lippspringe. Die Elektrotechnik-Ingenieurin aus Gütersloh hat sich auf die Themen Erdgas und erneuerbare Energien spezialisiert.

Die 30-Jährige erläuterte den  Besuchern genau, wie die „Fracking“ genannte Methode zur Erdgasförderung vor sich geht: Es werden Löcher gebohrt, bis die gasführenden Gesteinsschichten erreicht sind. Dann wird ein Chemikalien-Wassergemisch mit hohem Druck hineingepumpt. Dazu kommen Sprengungen, die das Gestein aufbrechen und somit das Gas freisetzen sollen. Sie können sogar kleinere Erdbeben auslösen. Unterirdisch soll dann noch mal horizontal gebohrt werden – teilweise kilometerweit in mehrere Richtungen.

Einer der Kritikpunkte: Welche Chemikalien in die Erde gepumpt werden, wird von den Firmen oft als „Betriebsgeheimnis“ verkauft, so Brems. „Acht davon lösen Krebs aus, andere sind eindeutig negativ für die Fortpflanzung“, sagte Martin Hübner, der Umweltdezernent des Kreises. Neben den uneinschätzbaren Folgen für die Natur ist ein weiteres Problem, dass Bodenschätze dem Bergrecht unterliegen, weshalb die Entscheidungsmacht bei der Bergbehörde im Regierungsbezirk Arnsberg liegt.

Nachdem erkundet wurde, wo sich vermutlich Gas befindet, wurden für die abgesteckten „Claims“ Aufsuchungslizenzen verteilt – meist an ausländische Großunternehmen. Sie erlauben dem Inhaber, innerhalb von fünf Jahren nach Bodenschätzen zu suchen. Werden erste Bohrungen erlaubt, kann er die Gewinnung beantragen.

Dann hat auch der jeweilige Grundbesitzer kein Mitspracherecht mehr. Zwar gehört ihm das Land, das Erdgas im Untergrund allerdings ist Eigentum des Bundeslandes – anders als in den USA, wo Grundbesitzer viel Geld damit verdienen. Hierzulande bedeutet es, dass Eigentümer im Notfall auch zu den Bohrungen gezwungen werden können, also quasi „enteignet“ werden, wie Werner Peitz sagte.

„Die Politik wurde im Vorfeld nicht informiert“, kritisierte der Delbrücker Bürgermeister. „Wir haben Angst um unser gutes Wasser.“ Auch wenn die Auswirkungen der Fördermethode noch nicht absehbar sind, ist er überzeugt, dass die Bohrungen nicht gut sein können. Die Kommunen sind zu einer Stellungnahme bis zum 31. März aufgefordert und haben zusammen mit dem Kreis ein gemeinsames Schreiben aufgesetzt.

Die Salzkottener haben eine Fristverlängerung bis 26. April erwirkt. „Wir haben mit unserem Wasserwerk, Brunnen und Wasserschutzgebieten hier einen Schwerpunkt“, so Ludwig Bewermeier, der Vertreter des Bürgermeisters und Fachbereichsleiter für Stadtentwicklung. „Wenn ich sehe, wie viel Aufwand man beim Bau eines kleinen Brunnens hat und dann erfahren muss, dass da tausende Meter tiefe Löcher gebohrt werden sollen, bin ich fassungslos.“

Das Votum aller Fraktionen in den Kreis-Ausschüssen ist eindeutig: Die Kommunalpolitiker lehnen Fracking ab. „Wir sind ein wasserreicher Kreis“, so Hübner. Der Umweltdezernent brachte eine erschreckende Zahl vor: Manche Bohrlöcher bräuchten am Tag so viel Wasser wie die Stadt München. „Und wir reden hier von einem Zeitraum von 30 bis 50 Jahren“, so Hübner, der sich eigentlich mit dem amerikanischen Unternehmen BNK, das Aufsuchungslizenzen im Kreisgebiet erworben hat, verabredet hatte. Doch das Treffen wurde kurzfristig abgesagt – wohl aus Angst vor der ablehnenden Haltung.

Das Land NRW strebt jetzt eine Änderung des Bergrechts an, um Fracking zu verhindern Dafür fehlt aber bislang noch die Mehrheit im Bundesrat. Frankreich hat 2011 als erstes europäisches Land reagiert und die Methode komplett verboten.

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