Fukushima – ein Jahr danach

Zum Jahrestag der Fukushima-Reaktorkatastrophe zog Jürgen Wrona eine ernüchternde Bilanz. Noch lange bleibe die Situation in Japan katastrophal und sei ein Alarmzeichen für Deutschland. „Schwarz-gelbe Politiker betreiben nur ein Jahr nach Fukushima schon wieder – wie in alten Zeiten – ungeniert das Geschäft der atomar-fossilen Energiewirtschaft. “ Der Energiemanager Jürgen Wrona ist Mitglied im Arbeitskreis Paderborner Land 100 % erneuerbar und für BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN sachkundiger Bürger im Kreistag. Wir dokumentieren seine Rede bei der Mahnwache am 12. März vor dem Paderborner Rathaus.

„In Fukushima ist vor einem Jahr eine Katastrophe geschehen, die für Sicherheitsingenieure aus der Atomindustrie und technikgläubige Menschen unvorstellbar war. Wie ist die Situation ein Jahr danach?
In den Monaten nach dem Unglück ist es um Fukushima still geworden – als ob das Problem beseitigt sei. Wie katastrophal die Situation nach wie vor ist und noch lange bleiben wird, rückt erst zum Jahrestag des Unglücks wieder ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit, z.B. durch den Film „Die Fukushima-Lüge“.

  • Die Gegend um Fukushima wurde wegen der hohen Strahlenbelastung evakuiert – 300.000 Menschen sind umgesiedelt worden, bei 360.000 Menschen wurde radioaktives Jod in den Schilddrüsen festgestellt. Kritiker sagen: Eigentlich müssten die Schutzzonen auf 250 km ausgeweitet werden und weitere 3 Mio Menschen den Norden Japans verlassen.
  • Die Aufräumarbeiten in Fukushima schreiten nur schleppend voran. Das Kraftwerksgelände ist noch immer ein radioaktiv verseuchtes Trümmerfeld. 30 Mio m³ strahlender Müll und Schutt müssen noch beseitigt werden – wie und wohin weiß niemand so recht.
  • Hunderte von Brennstäben werden in nur notdürftig reparierten Abklingbecken gekühlt, unbeschädigte Reservetanks sind nicht verfügbar. Atomwissenschaftler warnen: Schon beim kleinsten Erdbeben (die in Japan quasi ständig zu verzeichnen sind) könnten die Becken wieder undicht werden und droht die nächste Atomkatastrophe.
  • Da damals kein Süßwasser zur Verfügung stand, wurden die Brände in den Reaktorblöcken mit Meereswasser gelöscht. Die Folge: Mehrere 10.000 t strahlenverseuchtes Salz und radioaktiv belastetes Löschwasser wurden ins Meer geleitet. Die Wirkungen auf die Meeresfauna und -flora sind völlig ungewiss. Biologen und Strahlenschutzexperten sprechen von einem Experiment mit dem Weltmeer.
  • Eine landwirtschaftliche Nutzung im Norden Japans wird auf Jahrzehnte nicht möglich sein. 45 km von den Reaktoren entfernt ist der Boden mit Plutonium verseucht. Noch 200 km von Fukushima entfernt wird Caesium gemessen, das in der Natur sonst nicht vorkommt. Und Tepco behauptet: „Das hat nichts mit Fukushima zu tun, das sind Überreste der Atombombentest nach dem Zweiten Weltkrieg im Pazifik“. Das Lügen und Verharmlosen der Atomindustrie geht also weiter.

Wie ist es um die Sicherheit der Kernkraftwerke in Europa und Deutschland bestellt?

  • Deutsche Atomkraftwerke sind gegen den Absturz großer Flugzeuge nach wie vor nicht ausreichend gesichert. Nachrüstungen sind nicht vorgesehen bzw. nicht möglich. Überlegungen, die Kraftwerke einzunebeln und somit zumindest vor einem Terrorangriff aus der Luft zu schützen, haben sich als nicht umsetzbar erwiesen.
  • Es gibt panzerbrechende Waffen, mit denen ein Reaktor selbst aus großer Entfernung gefährdet werden kann. Großräumige Absperrungen sind in unserem dichtbesiedelten Land aber faktisch nicht möglich. Einen Schutz vor derartigen Angriffen gibt es somit nicht Cyber-Attacken und Hacker-Angriffe auf Kernkraftwerke sind eine nicht kalkulierbare Gefahr. Wenn es Hackern gelingt, in das Kommunikationssystem des Pentagon einzudringen, sollte niemand so blauäugig sein und glauben, dass ein Atomkraftwerk vor Hackern sicher ist.
  • Ursache für die Reaktor-Katastrophe in Tschernobyl war nicht eine veraltete sowjetische Technik – wie die Atomindustrie des Westens noch immer gern verbreitet – sondern ein vorschriftswidriges Abfahren des Reaktors, das der Chefingenieur befohlen hatte. Auch die Beinahe-Katastrophe in Harrisburg/USA ist durch Schlampigkeiten bei der Betriebsführung ausgelöst worden. Verstöße gegen Vorschriften und menschliches Versagen sind auch in deutschen Kernkraftwerken nicht auszuschließen. Das perfekte Sicherheitssystem und fehlerlose Menschen gibt es nicht.

 

Außerdem lehrt das Unglück in Fukushima: Es gibt Ereignisse und Szenarien, die nicht vorhersehbar sind, die niemand erwartet und auf die kein Sicherheitskonzept ausgelegt ist.

Was hat Fukushima bewirkt?

Die Physikerin Angela Merkel war dermaßen geschockt, dass sie die gerade erst beschlossene Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke über Nacht ins Gegenteil verkehrt hat. Als Bundeskanzlerin ließ sie Kernkraftwerke, die bis dahin als sicher galten, sofort abschalten. Weitere Staaten, z.B. Italien, Schweiz und Österreich, wollen aus der Atomenergie aussteigen bzw. gar nicht erst einsteigen.Doch ansonsten ist die Bilanz ernüchternd: Frankreich hat keine Alternativen und hält an der Kernkraftnutzung fest, in China, Russland und Indien wird die Planung von Atommeilern unbeirrt vorangetrieben und die USA (wo seit der Beinahe-Katastrophe auf Three Miles Island Ende der 1970er Jahre kein Kernkraftwerk mehr in Betrieb ging) will sogar neu in die Atomenergie einsteigen.

Dass die Chefs von RWE, EON, EnBW und Vattenfall den Atomausstieg in Deutschland nur widerwillig mitmachen, verwundert kaum. Bedenklich wird es, wenn auch Teile der Politik die Energiewende torpedieren. So sagte Michael Fuchs, stellv. Vorsitzender der CDU/CSU, vor wenigen Tagen im Deutschlandfunk:

Die Energiewende ist zwar gesellschaftlich gewollt, aber aus sicherheitstechnischen Gründen sei der Atomausstieg nicht notwendig gewesen. Bei uns in Deutschland gebe es ja keine Tsunamis.

Diese Politiker haben nichts, aber auch gar nicht begriffen, und betreiben nur ein Jahr nach Fukushima schon wieder – wie in alten Zeiten – ungeniert das Geschäft der atomar-fossilen Energiewirtschaft. Wir dürfen es nicht zulassen, dass derart Unverbesserliche die Energiewende und den Klimaschutz in Deutschland gegen den Willen einer klaren Mehrheit in der Bevölkerung ausbremsen.

Jürgen Wrona
für den Runden Tisch „Paderborner Land 100 % erneuerbar“
Rede zur Fukushima-Mahnwache am 12.03.2012 in Paderborn

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