„Entscheidend verbessert“ – Zweiter Tag

Von Charlie Chaplin erzählt man, dass er mit dem Aufkommen des Tonfilms lernen musste, nach einem Slapstick eine Kunstpause zu machen, damit in den Lichtspielhäusern geklatscht und gejohlt werden konnte. bdk - tarekSchwenk aus den schwarz-weißen Zeiten in die grün-roten Welten. Nicht dass wir jetzt den Boss der Genoss*innen mit dem Tramp vergleichen möchten, aber im Velodrom musste Sigmar Gabriel nach der äußerst pointenreichen Rede von Claudia Roth auf die Bühne.

Als die Standing Ovations abflachen, haut Gabriel eine Frage-Feststellung raus: „ Und ich bin jetzt die arme Sau, die nach ihr reden muss.“ Könnte spontan aus der tiefsten Seele gekommen sein, muss aber nicht. In die Verblüffung hinein schlägt der SPD-Chef einen sehr gekonnten Bogen zum rhetorischen Kraftwerk aus vergangenen rot-grünen Zeiten. „Das kann‘ste Joschka Fischer ausrichten, von wegen er sei der letzte Rock’n’Roller der deutschen Politik gewesen.“

Mit seiner hundertfünfzigjährigen Parteigeschichte im Kreuz kann sich der oberste Sozialdemokrat erlauben, die Eigenständigkeit der Grünen herauszustreichen. „Ihr Grünen habt das Land“ – Gabriel vermeidet es von Deutschland zu reden – „entscheidend verbessert.“ Dann spielt er die ganze grün-historische Programmklaviatur rauf und runter: Seid für die Gleichberechtigung der Frauen eingetreten, als das noch nicht angesagt war. Seid für Friedenspolitik und Abrüstung eingetreten, als noch in den Kategorien des Kalten Krieges gedacht wurde. Habt euch für Umweltschutz und Ökologie stark gemacht, als es die anderen für ein esoterisches Wohlfühlthema gehalten haben und habt die Risiken der Atomenergie erkannt, lange bevor sie die anderen begriffen haben. Unwillkürlich geisterte mir die SPD Helmut Schmidts im Kopf herum, und nicht die Willy Brandt-Partei

Es wäre mächtig viel Honig um den Bart geschmiert, wenn Gabriel nicht einen kleinen selbstkritischen Schlenker eingebaut hätte. „Auch viele von uns in der Sozialdemokratie hatten es nicht begriffen“. Die Grünen, folgerte er, eine eigene Partei, mit eigenen Grundsätzen, eigenen Prinzipien und eigenen Programm. In seiner Aufzählung fehlte nur noch eigensinnig und einzig, nicht artig. Das hätte die BDK in einen Bann geschlagen. Fast. Aber diese BDK hatte Claudia Roth zuvor mit einem einzigen Satz die Stimmung auf eine andere Umlaufbahn katapultiert. Begeistert von dem Füllhorn an Änderungsanträgen erklärte sie: „Der Star ist die Basis, die Teilhabe wollen und Empathie in die Politik bringen.“

Aber natürlich lebten beide Reden auf, wenn Alternativen chilli-scharf konturiert werden. Den Widerspruch von Reden und Handeln bei der Schwarz-Gelben stilisierte Gabriel flugs zum regierungsamtlichen Geschäftsmodell Etikettenschwindel und erinnerte an gefälschte Doktorarbeiten bis zu gescheiterte Steuerflüchtlingsabkommen. „Bürgerliche Werte von Anstand und Ehrlichkeit treten sie jeden Tag mit Füßen“, empörte sich der Chef der früheren Arbeiter- & Aufsteigerpartei.

Claudia Roth liebt es deftiger. Den amigohaften CSU-Familienbetrieb stellt sie die Asylbewerber in Bayern gegenüber, denen das Leben zur Hölle gemacht werde. „Ist das anständig? Ist das bürgerlich? Ist das christlich?“ Auf die Salve rhetorischer Fragen folgt ein lakonisches „da fällt doch selbst das Kruzifix von der Wand!“

Auch ihre Kritik an Angela Merkel trifft voll in das Schwarze. „Wer ist die Kanzlerin denn, und wenn ja wie viele? „Die eiserne Lady vom neoliberalen CDU-Parteitag in Leipzig 2003 oder Klima-Queen, fotografiert 2007 vor Eisbergen, oder die oberste Atomlobbyistin von 2009 bei der Aufkündigung des Ausstieges oder die konfuse Euroretterin dieser Tage auf einem Schlingerkurs, der die Odyssee weit übertrifft.“ Zur Frauenquotenpolitik der Kanzlerin 2013 kommt die Stimme ins Singen: Über sieben Brücken musst du geh’n, sieben dunkle Jahre übersteh’n und in Sack und Asche geh’n, kommentiert sie die als Betreuungsgeld gelabelte Herdprämie.

So musikalisch ist Gabriel nicht, dafür kehrt er die nachdenkliche Seite raus. Eine Liste von Einzelthemen oder die Aufteilung von Ministerien sei nicht der Grund, warum wir miteinander regieren wollen. Er wird leiser und wagemutig-grundsätzlich: „Die Zukunft in die Politik zu holen ist die gemeinsame Aufgabe.“ Finanzmarktkrise und Klimakatastrophe machten deutlich, dass der Marktradikalismus nur einen Preis für das Heute hat. Merkels marktkonforme Demokratie setzt der SPD-Vorsitzende demokratiekonforme Märkte in diesem Land entgegen. „Ziel der Globalisierung ist nicht Reichtum für alle, sondern Gerechtigkeit für alle.“ Gabriel trifft den Grundton perfekt: „Wir müssen mehr wollen, als eine rechnerisch mögliche Koalition, mehr als ein technisches Bündnis zur Erlangung von Regierungsmacht.“ Den Kapitalismus ein zweites Mal bändigen, könnten nur zwei Parteien in Deutschland.

Retardierendes Momentum: Gegner seien nicht die anderen drei Parteien, sondern der Fatalismus und das Ohnmachtsgefühl in weiten Teilen der Gesellschaft. „Die Haltung ist breiter vertreten in der SPD als bei den Grünen“, merkt er selbstreflexiv an. Wenn wir es schaffen, den Menschen die Hoffnung zurückzugeben, dass sich Engagement und Demokratie das Leben zu Besseren wenden kann, wenn wir das schaffen, werden wir auch die Wahlen gewinnen.“

Einen „engagierten und fröhlichen“ Wahlkampf wünscht die SPD. Und was stellt sich Claudia Roth vor? „Ich habe keine Lust mich in Konjunktiven zu ersäufen, was wäre bei der oder jenen Konstellation? Wer nicht kämpft hat schon verloren. Also, auf in einen quietschgrünen Wahlkampf!“ Rauschender Beifall, Standing Ovations. „Denn das Leben ist viel zu bunt, um immer nur schwarz-gelb zu sehen.“

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