Gute Lebensmittel brauchen bäuerliche Landwirtschaft

henglarn3 _resEine große Politikverdrossenheit bei den Landwirten registrierte Franz-Josef Lüns beim gestrigen Diskussionsabend in Henglarn mit dem agrarpolitischen Sprecher der grünen Bundestagsfraktion Friedrich Ostendorff und Antonius Tillmann, Vorsitzender des landwirtschaftlichen Kreisverbandes Höxter. Die grünen Kreisverbände Paderborn und Höxter hatten den Donnerstagabend im Gasthof „Zur Post“ unter das Motto „Herausforderungen der Landwirtschaft – Erwartungen an die Politik“ gestellt.

„Bauern sind doch nur immer zu Wahlen gefragt“, kritisierte Lüns, der Sprecher des Bundes Deutscher Milchviehhalter im Hochstift ist. Am Ende entscheiden das Geld und die Lobbyisten. Sein Vorschlag, Subvention zu streichen, um vom „Gängelband der Politik“ loszukommen, findet aber keine sofortige Mehrheit unter den dreißig Anwesenden.

In eine ähnliche Kerbe schlägt auch Antonius Tillmann, der in Warburg-Bonenburg einen konventionellen 90 ha Hof bewirtschaftet. Zwar gelte Landwirtschaft als Teil der Gesellschaft, aber am Beispiel einer handelsüblichen Pizza zeigte Tillmann, wie weit die Entfremdung von heimischen Agrarprodukten vorangeschritten sei. „Wir werden diese Entwicklung nicht zurückdrehen können und die Landwirtschaft befindet sich im Wandel“. Am Beispiel der Biogas-Anlagen erläuterte Tillmann, dass die Politik falsche Entscheidungen treffe, weil sie diese nicht zu Ende durchdenke. Statt „Subventionen mit der Gießkanne auszuschütten“ müsse zielgerichtet in Forschung und Ausbildung investiert werden, so Tillmann.

Das Übermaß an Biogas-Produktion sei ein Erbe der schwarz-gelben Regierungspolitik, erwidert Ostendorff. „Wir Grünen sprechen uns deutlich gegen die Vermaisung der Landschaft aus, wissen aber auch um die Ertragssituation“. henglarn_friedrich -resAls Parlamentarier und Biobauer eines 700 Jahre alten Hofes verknüpft Ostendorff beide Welten und kennt Phänomene wie die Schweinezyklen. „Bei den Preisen verlängern sich die Abwärtstrends und die Aufwärtsphasen werden kürzer“, beobachtet Ostendorff. Während die Bauernhöfe die Familien früher ernährt hätten, stelle sich heute die Frage, was kann ich an die nächste Generation weitergeben, teilt der Grüne die Sorgen der Landwirte. Der anwesende Paderborner Kreislandwirt Johannes Giesguth verweist darauf, dass in Paderborn nur noch 1/3 der Höfe im Vollerwerb geführt werden, der Trend zum Nebenerwerb verstärke sich.

Als nicht tragfähig kritisiert Ostendorff Konzepte, die auf Deutschland als Weltmeister in der Fleischerzeugung setzen und ihr Heil in Exporte nach Russland und China suchen. Der Grüne erinnert an Putins kurzfristige Importverbote und an den Kopiereffekte bei Joint Ventures mit Chinesen. Aber auch regionale Vermarktung hat ihre Tücken „Die faire Milch wird in Märkten deplatziert und bestimmte Produktpaletten verschwinden aus den Regalen“, berichtet Lüns von seinen Erfahrungen mit den REWE und Edeka. Dabei ist das schwarz-rot-gelbe Label „Faire Milch“ eine wegweisende Idee, lobt Anne Birkelbach aus Salzkotten.

Spätestens hier sind der Konsumentengeldbeutel und das Verbraucherbewusstsein gefragt. Den Vorschlag aus dem Publikum, Kita-Verpflegung und Schulmensen auf regionale Lebensmittel umzustellen statt die Kinder mit Convenience Food abzuspeisen, halten die Diskutanten angesichts Finanzlage der Kommunen für einen Kraftakt. Trotzdem ist Ostendorff ist optimistisch gestimmt: „Die jetzt aufwachsende Generation fragt nach den Entstehungsbedingungen und die politische Debatte prägen die über 200 Bürgerinitiativen, die sich zum Bündnis ‚Bauernhöfe statt Agrarfabriken‘ zusammengeschlossen haben“.  Auch die Grünen haben zur morgigen Demo und Umzingelung Europas größtem Hühnerschlachthofes in Wietze bei Celle aufgerufen.

Die Landwirtschaft ist in der grünen Politik angekommen, zieht Kerstin Haarmann als Moderatorin nach zwei Stunden und zwanzig Minuten das Fazit der Diskussion. Zwar werden qualitativ gute, frische und regionale Lebensmittel zunehmend nachgefragt, aber die Mentalität an den Lebensmittelpreisen zu sparen, gelte es mittels Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit zu brechen.

 

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