Pflege in Bewegung für politische Anerkennung und bessere Rahmenbedingungen – Landrat reagiert mit Sonntagsrede

pflege in bewegung1Erste Erkenntnis in der Westernstrasse gestern nachmittag: Die Pflegekleidung ist nicht mehr ein klinisches Weiß, sondern Polohemden und T-Shirts leuchten in Blautönen (St. Johannisstift – mit der Parole „Ich bin einzigartig“), im satten Rot (Caritas), und im Weiß (Brüderkrankenhaus). Von Seniorenzentren, über die häuslichen Pflege bis von Kankenhäusern, von privaten Trägern und Wohlfahrtsorganisationen sind grob geschätzt 400 – 500 PflegeberuflerInnen in Bewegung für gute Rahmenbedingungen gegen die Minutentaktung der Pflege und die maladen Rahmenbedingungen.

Der gestrige Dienstag, Geburtstag von Florence Nightingale, gilt auf der ganzen Welt als Tag der Krankenpflege. Egal, ob damals auf der Krim bei der Krankenschwester aus wohlhabender Familie, oder in den heutigen modernen Zeiten gilt: Der Mensch steht im Mittelpunkt der Pflege. Dies ist die zentrale Botschaft des Demonstrationszuges durch die Fußgängerzone. Das wird in den anrührenden Alltagsgeschichten deutlich, die vor dem Rathaus erzählt werden. Pflege sei Handwerk, Kunst und Wissenschaft zugleich, fasst ein Altenpfleger zusammen. Ein Poetry Slammer beschreibt den Krankenhausalltag eines Bandscheibenvorfalles und spürt der „Wirtschaftsmedizin“ nach. „Wir verlangen Respekt und Anerkennung von der Gesellschaft und Politik“, steht auf den Flyern.

Dann bekommt Landrat Müller das offene Mikro. „Ich möchte Ihnen die Anerkennung aussprechen, dass Sie ihren Beruf ernst nehmen, dass sie dafür einstehen, dass Sie, wenn es drauf ankommt, die Gesellschaft menschenswürdiger machen.“ Ausdrücklich unterstütze er, so Müller, die Forderungen und bringt sie auf den Dreiklang: „Menschenwürdige Pflege braucht Zeit, braucht Geld & ist auch ihr Geld wert und braucht schließlich auch eine sichere Zukunft.“ Pflege sei ein Beruf mit so viel Sinngehalt, wohl aber mit unattraktiven Rahmenbedingungen, akzentuiert der Landrat. Auch vergisst Manfred Müller auch nicht den Faktor Zukunftssicherheit, weil Zahl der pflegebedürftigen Menschen zunehmen werde.

„Nur die medizinischen Leistungen etwa nach Knie-Op werden vergütet. Was ausdrücklich nicht bezahlt wird, ist Zuwendung der Pflegekräfte vor und nach der Operation“, erklärt Werner Jülke, der lange Krankenpflegeausbildung verantwortlich war. Hier sei der Landrat jede konkrete Aussage schuldig geblieben. Mindestens hätte er sich die Zeit nehmen müssen, einige Sätze zum Pflegebedürftigkeitsbegriff 2015 auszuführen, der von der „Minutenpflege“ umsteuert hin zu einer umfassenderen „Bedarfspflege“, kritisiert der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Kreistag und grüne LAG-Sprecher für Gesundheitspolitik die Sonntagsrede am Dienstag.

Fast hätte der Landrat revolutionärer Weise zum Streik der Pflegeleistenden aufgerufen, als er an das große Medieninteresse am Kita-Streik der Erzieher*Innen erinnerte, und sich ganz kurz fragte, was wohl passieren würde, wenn doe Pflegekräfte streiken würden. Die Qualität einer Gesellschaft erkenne man, wie sie mit den Jungen und Älteren umgeht, argumentiert der Landrat – ganz im Sinne von Florence Nightingale. Die Demonstrationsleiterin hält dem politischen Kreisrepräsentanten entgegen: „Wenn wir streiken würden, wäre der wirtschaftliche Schaden gewaltig und wir hätten Menschenleben auf dem Gewissen. Deswegen streiken wir nicht!“ Das lindert für den Moment, aber für eine richtige Heilung müssen die Rahmenbedingungen der Pflege noch mächtig in Bewegung kommen.

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