Sigrid Beer zur Höckes AfD: “Für die gleichberechtigte Verwirklichung der Religionsfreiheit gibt es keine Alternative”

“Religion gehört zu Deutschland” war gestern das Motto auf dem Marienplatz, als Vertreter*innen der christlichen Kirchen und der Schura, dem Rat der Muslime, von gut 400 Zuhörer*innen Stellung zur Anti-Islam-Polemik der AfD bezogen. Unter anderem Sigrid Beer (MdL), Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) und der Kirchenleitung der EKvW:

“Mit dem heutigen Auftritt eines schlimmen Hetzers in unserer Stadt legt die AfD Paderborn ihr ideologisches Schutzmäntelchen ab:

  • Nein!
  • Diese AfD ist keine Kraft besorgter Bürger!
  • Sie steckt bis über beide Ohren im völkisch-braunen Sumpf!

Sie jubelt einem Demagogen zu,

  • der vom Germanentum träumt,
  • und von 1000 Jahre Deutschland faselt,
  • und unsägliche rassistische Vorträge zum „Wesen“ von „Afrikanern“ und „Europäern“ hält.

Es war nicht neu, was Herr Höcke da vor wenigen Monaten gesagt hat. Er war nur das, was er und unter dem nordischen Pseudonym „Landolf Ladig“ schon seit vielen Jahren in NPD-Hetzblättern schreibt.

Liebe Freundinnen und Freunde,

ich frage mich nicht nur als Politikerin, sondern auch als Christin, was das für ein Abendland sein soll, von dem Höcke träumt –

  • und wer dazugehören soll –
  • und wer nicht?

Dass der der Islam nicht dazu gehört, das verwundert nach dem letzten AfD-Parteitag niemanden mehr:

  • Die AfD ist eine islamophobe Partei,
  • die Millionen Muslime ausgrenzt und diskriminiert.
  • Das ist heute klar!

Aber das genügt Höcke nicht. Bei einer Veranstaltung der „Jungen Alternative Berlin“ am 26. September 2015 sagte er:

  • „Christentum und Judentum stellen einen Antagonismus dar. Darum kann ich mit dem Begriff des christlich-jüdischen Abendlands nichts anfangen.“

Aber wer glaubt, dass es sich hier bloß um den alten Antijudaismus und Antisemitismus handelt, der das Abendland allein für das Christentum reklamieren will, der irrt sich. Höcke will auf vorchristliche und „germanische Wurzeln“ zurück (Interview in „Sezession“). Gegen dunkelhäutige Menschen, gegen Juden und Muslime setzt Herr Höcke sein „germanisch-pseudo-christliches“ oder auch neuheidnisches Abendland –

  • das ist der tiefste ideologische Kern
  • der die AfD in Paderborn heute eine Bühne gibt!

Wer Religionsfreiheit für eine einzelne Religion infrage stellt, der gefährdet sie insgesamt. Deshalb streiten wir als Christinnen und Christen für die gleichberechtigte Verwirklichung der Religionsfreiheit für Musliminnen und Muslime. Dazu gibt es keine Alternative. Vor ziemlich genau 40 Jahren, an Ostern 1946, sagte der ev. Theologe Martin Niemöller diese berühmten Sätze, die heute aktueller denn je scheinen: „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. – Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. – Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich nicht protestiert; ich war ja kein Gewerkschafter. – Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Jude. – Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestierte.“ Die Mahnungen Martin Niemöllers dürfen niemals in Vergessenheit geraten. Wehret den Anfängen!

Wer sich gegen die Religionsfreiheit stellt, der meint uns alle. Das Recht seinen Glauben zu leben oder frei von Religion ist ein Kern unseres Grundgesetzes und Lehre aus einer unheiligen Zeit. Wer uns das Gift der Angst einträufeln will, wer den Hass predigt und Gewalt säet, der tritt die Grundwerte unserer Verfassung mit Füßen und verhöhnt die Liebe Gottes zu den Menschen.

Wir leben in einer vielfältigen Gesellschaft und das meint auch: In eine multireligiösen Gesellschaft! Und diese friedliche Vielfalt wollen wir

  • befördern und gestalten –
  • und nicht bekämpfen und zerstören –
  • so wie diese selbsterklärten „Retter des Abendlandes“ es tun.

Dieser Freitag, heute in Paderborn, darf kein

  • Freitag der Dreizehnte werden für die Demokratie,
  • kein Tag der Ausgrenzung und des Hasses,
  • sondern ein Tag der Vielfalt und der Offenheit,
  • ein Tag der Zuwendung zu anderen Menschen
  • ein Tag der Dialogs – gerade auch der Religionen!

Danke, dass Sie alle heute da sind!”

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