„Jeder Tag, den die AKWs laufen, ist ein Hochrisiko-Tag für NRW“ – Rede von Norika Creuzmann bei der Fukushima-Mahnwache

Erst kam das Erdbeben, dann der Tsunami und schließlich die atomare Wolke. Mit diesen Worten begann ich im letzten Jahr meine Rede, um an die 18 500 Todesopfer der Atomkatastrophe in Japan zu gedenken, die auch nach 7 Jahren immer noch nicht unter Kontrolle ist. Jürgen Oberbäumer hat die Katastrophe gerade aus eigenem Erleben eindrucksvoll geschildert

Kaliumjodid habe ich Ihnen mitgebracht.  Die Schachtel mit 20 Tabletten kostet 10,75 Euro. Bekommen Sie rezeptfrei in der Apotheke. Lebte ich in einer Entfernung von 100 Kilometern zu dem Atomkraftwerk Tihange in Belgien, würde ich einen Streifen mit sechs Tabletten umsonst bekommen, in Aachen und Umgebung allerdings nur für Menschen unter 45 Jahren. Seit ich diese Schachtel gekauft habe, um sie Ihnen heute Abend einmal zu zeigen, versuche ich mir vorzustellen was passiert, wenn es in Tihange zu einem GAU, einem Größten Anzunehmenden Unfall kommt.

Kommt es zu einer Massenflucht? Nimmt etwa die Paderborner Bevölkerung angesichts der Entfernung von 325 Kilometern bis nach Tihange Reißaus? Oder bekommen nur die Bewohner Aachens Panik und verstopfen die Autobahnen? Werden Supermärkte geplündert? Werden vielleicht verzweifelte Menschen den Freitod suchen? Oder werden wir gar eine neue Flüchtlingskrise erleben?Ich weiß es nicht und – ehrlich gesagt – ich will es auch gar nicht wissen.

Aber eins weiß ich ganz sicher: Diese lächerlichen Jodtabletten werden uns weder vor der Strahlenkrankheit, noch vor atomarer Verseuchung und erst recht nicht vor dem Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung bewahren. Aber ganz ehrlich, wie schaffen es viele Menschen eine solch drohende Katastrophe auszublenden?

Ich selbst habe vier Kinder. Sie sind mittlerweile groß, aber ich erinnere mich noch gut daran, wie ich damals versucht habe die richtigen Worte zu finden um Ihre Ängste aufzufangen, um ihnen zu erklären warum die Menschen an dieser Technologie festhalten. Heute sind meine Kinder 7 Jahre älter, haben ihre eigene Haltung entwickelt gegen Kernenergie, aber mir fehlen die Worte noch immer. Aber bitte, warum stehen nicht alle Eltern auf, gehen protestierend auf die Straße und machen ihrer Empörung Luft? Es geht schließlich und vor allem um die Zukunft ihrer Kinder, um die Zukunft unserer Kinder.

Wem die 324 Kilometer bis nach Belgien ein genügend großer Abstand sind: Bis zum Atomkraftwerk Grohnde sind es nur ca. 60 km nach Osten. Auch wenn dort, man mag es glauben oder nicht, angeblich keine 2000 Risse den Reaktor durchziehen, gab es jedoch nach Information der Initiative „Grohnde abschalten“ mehr als 230 Pannen in den vergangenen Jahren. Damit zählt Grohnde zu den „Störfall Spitzenreitern“ unter den deutschen Atomkraftwerken. Wir sind seit der Katastrophe in Tschernobyl vor 32 Jahren offenbar keinen Schritt weitergekommen.

Das einzige was sich geändert hat, ist ein weiterer Tag des Gedenkens an eine Atomkatastrophe: Der Tag von Fukushima, der heute vor sieben Jahren am 11. März 2011 den Glauben an die Sicherheit dieser Technologie auch bei denen erschütterte, die damals an Beschwichtigungen und Beruhigungspillen glaubten, wie offenbar viele Menschen in NRW an diese kleinen weißen Dinger hier.

Wir sind allerdings nicht nur im Verteilen von Jodtabletten ganz vorne mit dabei, sondern auch beim Verteilen von Brennstäben – zum Beispiel nach Tihange. In NRW, genau gesagt in Gronau, wird das angereicherte Uran produziert (ebenfalls in Lingen in Niedersachsen). Ein deutliches „Stopp“ der Bundesregierung könnte Tihange die Grundlage für das atomare Feuer entziehen.

Skandalös ist, dass Energiepolitik im vereinten Europa eine rein nationale Angelegenheit ist. Die Größe von Tomaten ist EU-weit einheitlich geregelt, aber die Atomaufsicht bleibt nationalen Empfindlichkeiten überlassen. Laut Recherchen des WDR gab es in den letzten Jahren eine deutliche Häufung sogenannter Precursor-Fälle im Reaktor Tihange-1. Darunter versteht man Zwischenfälle in einem Atomkraftwerk, die unter bestimmten Voraussetzungen zu schweren Schäden am Reaktorkern bis hin zur Kernschmelze führen können. Ähnliche Precursor Fälle gab es in Tschernobyl vor der Katastrophe.

Jeder Tag, den diese AKWs laufen, ist ein „Hochrisiko“ Tag! Aber auch abgeschaltete AKWs sind noch lange keine sicheren AKWs. Sie müssen gekühlt und jahrelang weiter von technischem Personal betreut und bewacht werden. Der strahlende hochradioaktive Müll lagert an über 100 Standorten.

Im GroKo-Koalitionsvertrag steht zu diesem Thema, dass mittel- und schwachradioaktive Brennelemente im Schacht Konrad bei Salzgitter eingelagert werden sollen. Aber wir haben immer noch das größte ungelöste Entsorgungsproblem aller Zeiten.  Und werden es noch viele Generationen weiter haben und sind gleichzeitig mit Schuld daran, dass dieser teilweise für Millionen Jahre strahlende Müllberg immer weiter wächst. Ich bin, ich kann es nicht anders sagen, fassungslos.

Für Abriss und Atommüll gibt es keine Lösung, also lässt man sie lieber weiterlaufen und geht ein unkalkulierbares Risiko ein. Der Glaube, dass tödliche Risiken wie die Atomenergie beherrschbar sind, ist absolute menschliche Selbstüberschätzung.  Das Leben geht weiter, doch die radioaktive Verstrahlung bleibt!

Es gibt Tage, da wird der gesamte Strombedarf in Deutschland ausschließlich mit Wind- und Sonnenstrom gedeckt. Kein einziges Großkraftwerk ist erforderlich. Aber erst 2022 soll der letzte Meiler abgeschaltet werden – damit ist Deutschland noch auf Jahre zweitgrößter Produzent von Atomstrom in der EU.

  • Ich will am Atomausstieg festhalten!
  • Ich will an der Energiewende festhalten!
  • Der Wegfall der AKWs macht Platz für mehr erneuerbare Energien im Netz.

In OWL sind wir auf einem guten Weg. Ein Viertel aller Windräder in NRW stehen hier, der Anteil der 489 Anlagen im Kreis Paderborn erzeugen 61% der Gesamtleistung in OWL.  Anstatt diesen Weg zu unterstützen engagieren sich viele Bürger in Initiativen gegen die Windkraft. Das ist natürlich ihr gutes Recht. Ich nehme ihre Sorgen und Vorbehalte ernst, aber manche Argumente schießen mittlerweile weit über das Ziel hinaus. Man zerlegt sich in Leserbriefschlachten und ringt um die Deutungshoheit der Windkraft als solche. Dabei geht es um eine Technologie, die sauber ist, aus der man keine Waffen bauen kann, deren Grundstoff kostenlos und reichlich vorhanden ist – und die man, wenn man ihrer nicht mehr bedarf, innerhalb von einer Woche spurlos zurückbauen kann.

Versuchen Sie das mal mit einem Atomkraftwerk oder mit einem Endlager. Jedes Jahr treffen wir uns an den Gedenktagen schwerster Atomkatastrophen. Am 27. April werden wir Tschernobyl und seiner Opfer gedenken. Und ich hoffe, es wird nicht eines Tages ein Tihange oder Grohnde-Gedenktag hinzukommen. Bis wir das endgültige Ende der Atomkraft weltweit begehen werden, ist es noch ein langer Weg.

Aber ich verspreche ihnen: Wir werden diese Sau so lange durch das Dorf treiben, bis der Protest wieder eine unüberhörbare Größenordnung angenommen hat – und bis die Bevölkerung NRWs begriffen hat, dass diese Jodtabletten weder als Schutz vor Radioaktiver Verseuchung noch als Beruhigungspille wirken.

Eine Kernschmelze im AKW Tihange oder Grohnde ähnlich wie in Fukushima, würde große Teile NRWs unbewohnbar machen. Denn: Radioaktivität kennt keine Grenzen.

Norika Creuzmann ist Kreisvorsitzende der Paderborner Grünen, Carsten Birkelbach (li.) Kreisvorsitzender

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