Haltung haben und Haltung zeigen

Die Vorgänge um die rassistischen Äußerungen des Unternehmers Clemens Tönnies auf dem Tag des Handwerks im Rahmen von Libori 2019 hätten nicht nur bundesweit für Aufsehen gesorgt, sondern auch die Stadtgesellschaft aufgewühlt, erklären die Kreisvorsitzende Norika Creuzmann, Sigrd Beer MdL und der Paderborner Stadtsprecher Werner Jülke für die Paderborner Grünen

„Der Skandal hat dabei zwei Seiten. Einerseits die eindeutig rassistischen und von Sachkenntnis ungetrübten Äußerungen von Clemens Tönnies. Andererseits die Nichtreaktionen der Vertreter*innen aus Politik, Handwerk, Unternehmen und Kirche.

Wir zollen dem Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Paderborn, Frank Wolters, Respekt, der Charakter gezeigt und seine persönliche Scham darüber zum Ausdruck gebracht hat, nicht sofort protestiert zu haben.

Die übrigen „Bürger der ersten Reihe“ haben dagegen auf ihre Weise verdeutlicht, welche Haltung ihnen zu eigen ist: So schwärmt der Landtagsabgeordnete Daniel Sieveke auf facebook von „einer guten Rede eines Vollblutunternehmers“, der offenbar bei ihm punktet, weil die Rede ihn politisch nicht mit dem Sachzusammenhängen zum Klimawandel strapaziert hat. Da schließt er sich lieber seinem Bundestagskollegen Linnemann an, der findet, es gäbe Wichtigeres als den rassistischen Aussetzer von Tönnies. Wohl, weil sonst das Sommerlochthema „Migrantenkinder in der Grundschule“, das er selbst gesetzt hat, nicht genug laufen könnte.

Völlig unzureichend sind die allgemeinen Erklärungen von Bürgermeister Dreier und auch von Erzbischof Becker zur Unterstützung von Integration und dem weltoffenen Paderborn.

Ein klarer Kompass und eindeutige Haltung gegen jede Form von Diskriminierung und Rassismus sind notwendiger denn je. Und zwar dort, wo sie sich jeweils zeigen. Mehr politische Korrektheit, mehr das Aufstehen der Anständigen in der Öffentlichkeit, im Betrieb, unter Bekannten, in der Familie und Nachbarschaft. Kein „Man wird doch mal sagen dürfen!“ Wer so redet, denkt so. Eindeutige Reaktionen darauf sind gefordert.

Wer hat sich bisher von den Teilnehmer*innen der Veranstaltung eigentlich bei den rassistisch markierten Afrikanern entschuldigt, besonders auch bei denen, die in Paderborn leben, arbeiten und z.B. auch Fußball spielen?

Auch für die Libori-Veranstaltung gilt, was der renommierte Soziologe Wilhelm Heitmeyer mit Blick auf gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit unmissverständlich ausdrückt: „Insgesamt sind Nicht-Reaktionen immer auch „schweigende Parteinahmen“, nicht selten auch klammheimliche Zustimmungen. Dies müssen nicht identische Wortwahlen sein, sind aber gleichwohl ähnliche Denkmuster.“

Das Verweigern einer eindeutigen Zurückweisung der rassistischen Tönnies-Äußerungen bewirkt eine Verschiebung von bisher geltenden Werten, Standards, was sagbar ist. Letztlich wird also eine Normalisierung von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit gefördert. Das bereitet den Boden und schafft Legitimationen eines völkischen Nationalismus.

Haltung zu zeigen in allen Lebensbezügen und Situationen und klare Haltungen zu entwickeln. Das sind die Herausforderungen für die Paderborner Stadtgesellschaft und darüber hinaus in Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Sport, Kultur und Kirche, in Gemeinschaften und im persönlichen Umfeld.

Wir nehmen als Grüne diese Herausforderung an und unterstützen alle Kräfte und Bestrebungen, die sich gegen Extremismus und Gewalt stellen, die Diskriminierungen jeglicher Art, Rassismus, Antisemitismus, Islamophobie und Fremdenfeindlichkeit entschieden bekämpfen.“

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