Tschernobyl 1986, Corona 2020 – Von Karin Yesilada

April 2020: Starker Wind bläst seit Tagen aus Richtung Osten. Es ist lästig, Kapuzen und Sonnenschirme fliegen umher. Waldbrandgefahr.

April 1986: Der Nuklearunfall in Tschernobyl hätte uns egal sein können. Ohne den Wind. Hätte nicht der Wind über Tage aus nordöstlicher Richtung geblasen und die radioaktiv verseuchten Wolken über Europa abregnen lassen, niemanden hätte es gekümmert. Niemand hätte sich vor jenem April 1986 vor einem Gewitter gefürchtet. Nach Tschernobyl war das anders. Der Regen brachte radioaktive Substanzen über Deutschland, spülte die Gefahr auf die Menschen, auf die Häuser und Dächer, in die Gärten. Das Strahlenfeld radioaktiver Verseuchung breitete sich mit jeder Windböe, mit jedem Regenschauer weiter aus, ohne dass irgendjemand es hätte verhindern können. Innenminister Friedrich Zimmermann versicherte: Es bestünde „absolut keine Gefährdung“.

„Tschernobyl“ kam wie das Covid-19 Virus: Es war unsichtbar, man konnte es weder riechen noch spüren, es war abstrakt. Die Nachrichten darüber kamen tröpfchenweise: Es habe einen Unfall gegeben, es sei radioaktive Strahlung freigeworden. Erst als es hieß: zuhause bleiben, der „Regen enthält radioaktive Substanzen“, erst als Spielplätze abgesperrt und ganze Gemüselieferungen eingestampft wurden, erst da war die Gefahr für alle sichtbar. Angst: Vor Wind „aus Richtung Osten“, vor „Schauern und Gewittern“. Echte und absurde Ratschläge: Duschen, keine Pilze, kein am Boden wachsendes Gemüse, dafür Jodtabletten essen. Neue Fachbegriffe: Geigerzähler, Grenzwerte, 50.000 Becquerel, Halbwertszeit, Cäsium137, Strontium90, Kommission für Strahlenschutz. Leben im Strahlenfeld, ohne Entkommen. Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble versicherte  wiederholt: Es habe „zu keiner Zeit Gefahr für die Bevölkerung“ bestanden. Greenpeace mit viel höheren Becquerel-Werten. Diffuse Ängste. Erhöhtes Aufkommen von Schilddrüsenkrebs. Statistiken, die den Zusammenhang mit der nuklearen Verseuchung beweisen oder in Frage stellten. Misstrauen. Unsicherheit. Eine sich unschuldig gebende Atomlobby: nukleare Verseuchung? Bei uns doch nicht. Das Mantra dieser Tage: „Es bestand zu keiner Zeit Gefahr“.

Meine Eltern in Hanau, die wir vor dem ersten großen Gewitter im Mai 1986 eines Sonntagsabends anriefen: „Macht um Gotteswillen die Fenster zu! Geht nicht nach draußen! Kauft keinen Salat mehr!!“, reagierten ungläubig: „Ja? Was soll denn sonst passieren?“ Unsere Verzweiflung und Angst schienen ihnen Auswüchse des berüchtigten linken Studentenmilieus in Marburg, und das war ihnen eher unsympathisch. Schon gar meiner Großmutter: „Ach, die Grünen! Die können das Stromsparen mal von mir lernen! Was soll ich mich schützen? Ich bin 78 Jahre alt und gehe weiter meine Pilze sammeln, basta!“ Großmutters Pilzpfannen waren berühmt. Wie sagte man ihr jetzt, „Nein danke, ich esse lieber was anderes“?  Sie starb 2005 hochbetagt, und nicht an Krebs.

Tschernobyl 1986, das war die erste zivile nukleare Katastrophe in Friedenszeiten, eine unsichtbare Katastrophe, die aus Russland mit dem Wetter kam, aus dem Himmel über uns abregnete und uns verseuchte. Wir mussten diese Katastrophe über den Kopf begreifen. Die nukleare Verseuchung war weder zu sehen noch zu fühlen. Als sich 2011 das ganze Szenario in Fukushima wiederholte, waren zwar alle sensibilisierter. Eine neue Generation wählte Die Grünen in die Parlamente. Erneuerbare Energien waren bereits auf dem Vormarsch, die Energiewende hatte bereits begonnen. Doch gingen seither kaum Atommeiler vom Netz. Fast alle Atommeiler entlang der deutsch-französischen Grenze sind noch in Kraft, alt und brüchig. Vor einem GAU in Tihange wird gewarnt, ohne ihn effektiv zu verhindern. Welche Jahreszahl wird das „Reaktorunglück von Tihange“ bekommen? 202x?

Auch heute kämpfen wir gegen eine unsichtbare Seuche. Die Situation ist ähnlich. Die Viruserkrankung ist (für Unbeteiligte) nicht erfahrbar, die Ängste verbreiten sich entlang abstrakter Gefahrenszenarios. Täglich aktualisierte Statistiken über Infektions- und Todeszahlen suggerieren uns vermeintliches Expertenwissen, das wiederum zur Grundlage massiver politischer Einschränkungen wird. Grundrechte werden gebeugt, in einem nie dagewesenen Maße. Hatte 1986 die politische Klasse lange nichts unternommen, so agiert sie heute fast überaktiv. Für die einen erscheint das „besonnen“. Andere fürchten um die Grundrechte und den Erhalt der Demokratie. „In Krisenzeiten ruft man nach dem (Landes)Vater“, versichert der bayerische Ministerpräsident Markus Söder. „Kinder an die Macht“, möchte ich da widersprechen.

Manche denken angesichts der globalen Corona-Krise an den Weltuntergang. Was das Ende der Welt bedeuten könnte, habe ich 1986 erstmals angstvoll reflektiert. Der Unterschied zwischen einem Reaktorunfall und einer Covid-19-Infektion: An der Seuche sterben Menschen, Individuen. Radioaktive Verseuchung jedoch betrifft alles, alle Wesen der Flora, Fauna, die Böden, die Luft, und die Menschheit. Wir müssen umdenken. Bevor „Tihange 202x“ passiert. 

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