Archivfoto: Sommer 2018

Für eine Verkehrspolitik mit Zukunft  – Ratsfraktion: Kehrtwende bei HBF und ZOH nötig

Die Grünen fordern ein Umdenken in der Paderborner Verkehrspolitik. Anlass für die deutliche Kritik der Grünen am bisherigen Kurs  sind zwei Großprojekte , die der Bauausschuss in dieser Woche unter anderem mit den Stimmen von CDU, SPD und Linken auf den Weg gebracht hat. Sowohl beim Hauptbahnhof als auch bei der zentralen Omnibushaltestelle am Westerntor haben die Grünen deutliche Kritik an der Umsetzung. Die Planung sei von Ignoranz und Rücksichtslosigkeit gegenüber Fußgängern und Radfahrern geprägt und ordne den Gesamtverkehr planerisch völlig dem Autoverkehr und Partikularinteressen unter, fasst der grüne Verkehrsexperte Stefan Schwan die Kritik zusammen. In beiden Projekten würden durch eine mindestens vierspurige Autostraße die Belange von Fußgängern und Radfahrern sprichwörtlich an den Rand gedrängt, anstatt die Chance zu nutzen eine zukunftsfähige Lösung für alle Verkehrsteilnehmer zu schaffen.

Der Neubau des Hauptbahnhofs sei eigentlich etwas, worüber sich die Grünen gern freuen würden, so Schwan, denn der Neubau ist letztendlich ein Monument des Umweltverbundes. Hier laufen Bahn- und Busverkehr, Fuß- und Radverkehr zusammen. Die nun auf den Weg gebrachte Planung halten die Grünen aber für so rücksichtslos und rückwärtsgewandt, dass sie die Planung im Bauausschuss konsequent abgelehnt haben. „Die Bürgerinnen und Bürger werden uns fragen, wie wir diese Fehlplanung zulassen konnten. Schon jetzt haben wir viel Kritik am bisherigen Bahnhofsumfeld gehört, wenn es dann bei einer Neuplanung nicht besser wird, muss man sich fragen, ob man dem wirklich zustimmen kann. Eine Planung, die die Belange von Fußgängern und Radfahrern schlicht ignoriert und im besten Falle hinten anstellt, tragen wir Grünen nicht mit“, stellt Schwan klar.

Kritik äußern die Grünen zum einen an der zukünftig sehr beengten Situation vor dem Bahnhof. Das Gebäude wird ein ganzes Stück näher an die Straße heranrücken. Dadurch ist vor dem Gebäude kaum noch Platz für Fußgänger und Radverkehr. (Foto) Vor allem die CDU habe sich an dieser Stelle völlig den Raumwünschen des Investors, einem lokalen Bauunternehmer, untergeordnet. An der Ostkante des Bahnhofs wird der Radweg auf 1,35 Meter verengt und hat damit noch nicht einmal die vorgeschriebene Mindestbreite. An der gleichen Stelle eilen jetzt schon die Fußgänger im Pulk zum Padersprinter und als sei das noch nicht genug, wird nun in unmittelbarer Nähe auch noch eine Anlieferzone eingerichtet. „Ohne Not verschärft man hier bestehende Gefahrenpunkte für Fußgänger und Radfahrer, auf die wir mehrfach im Verfahren hingewiesen haben.“, betont Florian Rittmeier, grüner Vertreter im zuständigen Bauausschuss.

Nicht anders sieht es bei der Planung für die neue zentrale Omnibushaltestelle an der Westernmauer aus. Der Radverkehr wird an den Rand gedrängt und zwischen Bussen und einer Anlieferzone auf einem Zweirichtungsradweg eingepfercht. Die Konflikte mit den Busfahrgästen sind vorhersehbar.  Dass man an Stellen,  die von Fußgängern und Radfahrern so stark frequentiert werden, den Raum noch weiter beengt, während der Autoverkehr auf vier Spuren vorbeirauscht, zeugt nach Auffassung der Grünen von einem hohen Maß an Rücksichtslosigkeit und planerischer Fehlleistung. „Unsere Anregungen haben leider bei beiden Projekten kein Gehör gefunden“ kritisiert Rittmeier.

Die Verwaltung verweist auf angebliche Verbesserungen für den Bus-, Fuß- und Radverkehr. So soll es auf der Westseite des Hauptbahnhofs zukünftig zwei Fahrradparkhäuser geben. An sich eine gute Sache, finden auch die Grünen. Aber zu dem einen Fahrradparkhaus schlängelt man sich zwischen Regionalbussen ohne klare Wegeführung, in dem anderen soll man sein Fahrrad mit einem Fahrstuhl in die zweite Etage fahren. „Pendler, die mit dem Rad zum Bahnhof kommen, sollten morgens schon mal zehn Minuten mehr einplanen“, rät Schwan. CDU und Verwaltung rechneten sich die viel zu wenigen Stellplätze schön. Der Fuß- und Radverkehr kommt mal wieder da hin, wo noch Platz ist, das ist keine Planung, sondern Mangelverwaltung, findet Schwan.

Die Grünen kritisieren weiter die teils chaotischen Wegebeziehungen. Am Hauptbahnhof wird der Fußverkehr stadtauswärts nach bisheriger Planung an einer langen Front von Gebäuden entlang geführt, schon jetzt ist da viel zu wenig Platz, wenn Fahrgäste mit ihren Koffern zum Bus, Taxi oder Autoparkplatz laufen. Zukünftig wird es noch enger. Die Grünen hätten sich am Hauptbahnhof wie auch an der Westernmauer klare Führungen und Wegebeziehungen gewünscht. In der Radwegführung gibt es nun das, was man überall in Paderborn sieht: Runter vom Hochbord, rauf auf die Straße, 50 Meter weiter wieder rauf auf den Radweg, 10 Meter weiter wieder runter. „Ein Radwegenetz für den zügigen Radverkehr sieht anders aus.“, so Rittmeier.

Auch klare Funktionszuweisungen für die unterschiedlichen Verkehrsträger fehlen am Hauptbahnhof.  Statt der drei Fahrradabstellanlagen, hätten die Grünen eine großzügige Fahrradabstellfläche zwischen Finanzamt und Arbeitsagentur vorgezogen. Auf der angeblich notwendigen Aufstellfläche für die Feuerwehr stehen im Moment und auch zukünftig: Autos. Fahrräder hielt man für ein Problem. Für den Rad- und Fußverkehr bleiben Almosen, zerstückelte Einzelanlagen, beengte Wegeverhältnisse. Statt zweier Anlieferzonen hätte es auch eine einzige getan, statt mehrerer Autoabstellflächen ein Parkhaus mit einem Langzeit- und einem Kurzzeitparkbereich. Bei genauerem Hinsehen gibt es zukünftig am neuen Bahnhof sogar drei getrennte Busstationen. „Es wundert mich, dass wir nicht im Abstand von zwei- bis dreihundert Metern noch einen zweiten Bahnhof bauen, damit wäre das völlig chaotische Sammelsurium komplett“, merkt Schwan an.

‚Es sei kein Platz‘, argumentiert die Verwaltung am Westerntor wie am Bahnhof. „Aber ist es wirklich noch zeitgemäß, dem Autoverkehr vor dem Hauptbahnhof und am Westerntor mehr als vier Spuren zu gönnen?“ fragt Schwan. Er finde, dass man sich nicht ausreichend Gedanken gemacht habe, wie mit dem vorhandenen Platz umzugehen ist. Statt zeitgemäße breite Radspuren und sichere komfortable Gehwege zu schaffen, baue man faule und wenig nutzbare Kompromisse. „Flächengerechtigkeit sieht anders aus!“, meint Schwan. Man sei bei der Umplanung des Bahnhofsumfeldes vor über 10 Jahren schon einmal falsch abgebogen. Wenn man sich jetzt die Mühe mache, den Bereich noch einmal zu überarbeiten, dann solle man es richtig tun, findet der grüne Verkehrsexperte. Dass die übrigen Parteien im Paderborner Rat nicht den Mut gehabt haben, auf eine Kehrtwende zu drängen, um an zwei verkehrstechnisch so wichtigen Punkten in die Zukunft zu planen, sei traurig und beschämend. 

Irgendwie wird der Bahnhof und auch der Busbahnhof funktionieren, findet auch Schwan, aber weder sei der neue Hauptbahnhof so eine Visitenkarte am Eingangstor nach Paderborn noch werde die Westernmauer die Verkehrsprobleme der Zukunft dauerhaft lösen. „Wir hoffen trotz aller Kritik, dass in Paderborn zwei einigermaßen brauchbare Mobilitätsdrehscheiben entstehen können, die umweltfreundlicher Mobilität in Paderborn einen Schub geben. Ob aber schon nach der Kommunalwahl in diesem Jahr oder erst in 10 Jahren die Zeit reif für eine zukunftsgerichtete Umplanung ist, haben letztendlich die Wählerinnen und Wähler in der Hand.

 

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