„Ich weiß nicht, wie lange es noch gut geht“ – Bärbel Höhn zu Gast bei den Grünen in Paderborn

„Die Fleischpreise führen zu den Zuständen, die wir heute haben“: Bärbel Höhn, einstige NRW-Umweltministerin, sparte am Dienstagabend im Hotel Aspethera nicht mit klaren Worten. „Wie sollen unsere Lebensmittel erzeugt werden?“ lautete das Diskussionsthema, zu dem die Paderborner Grünen eingeladen hatten.

Schon Bärbel Höhns erste Worte galten dem Tönnies-Skandal. „Die industrielle Lebensmittelproduktion geht zulasten von Menschen und sie geht zulasten von Tieren“, stellte die 68-Jährige klar. Die üblen Zustände in den Betrieben „war Insidern bekannt“. Schon vor fünf Jahren habe „Minister Gabriel aufgeschrien und eine freiwillige Selbstverpflichtung zustande gebracht“. Ohne Erfolg, denn „Tönnies ist ‚to big to fail‘“ – also zu groß um zu scheitern, weil der Konzern eine bedeutende infrastrukturelle Rolle spielt. Sogar NRW-Ministerpräsident Armin Laschet habe zugestanden, dass „die Zeit der Kooperation vorbei ist und dass ab jetzt streng nach Recht und Gesetz gehandelt wird“, so Bärbel Höhn – die die Worte als Eingeständnis des Versagens wertete.

Fleischskandale habe man schon immer gehabt, blickte die frühere Bundestagsabgeordnete zurück. BSE, Schweine- und Gefügelpest, Maul- und Klauenseuche, Gammelfleisch und die drohende Afrikanische Schweinepest zählte sie auf. Die Fleischerzeuge erwarten Turbo-Leistungen von den Tieren, die nur zu erreichen seien, wenn man den Stress der Tiere medikamentös abbaut. Wenn aber am Huhn nur wenige Cent und am Schwein nur wenige Euro verdient werden können, muss der Erlös über die Masse hereinkommen – und das möglichst schnell bei Einsatz von zu viel Antibiotika. „In Münster werden Landwirte in Krankenhäusern als erstes auf multiresistente Keime getestet“, so die Referentin. Kastration ohne Narkose, Kükenschreddern: „Die Tiere werden den Ställen angepasst, nicht die Ställe den Tieren“. Diese Zustände zu ändern, erfordert viel Zeit: Bereits 1999 erreichten die Grünen in Deutschland das Verbot von Käfighaltung der Legehennen – „erst 2016 kam dies auf EU-Ebene“.

„Es gibt zu viel Nitrat auf der Erde“, stellte Bärbel Höhn klar. Weil es zu viel Tiere pro Fläche gibt, wird es immer teurer, das Wasser sauber zu halten. Und weil das Futter mangels Flächenbindung nicht mehr selbst produziert wird, kommt es aus Lateinamerika, wo dazu der Regenwald abgebrannt wird. „Das jetzige System der Landwirtschaft führt zu Artenverlust. Die industrielle Landwirtschaft zerstört unsere Lebensgrundlage“, so ihr Credo. 

„Die chemische Industrie hat überall ihre Finger drin“: In der Produktion von Pestiziden, Dünger und Geschmacksverstärkern – „nur noch nicht beim Saatgut“. Dieser Abhängigkeit der Bauern und Verbraucher gelte es, etwas entgegenzusetzen. Ihre Forderung: Die 6,3 Milliarden Euro an landwirtschaftlicher Subvention sollte für die naturnahe Produktion von Lebensmitteln eingesetzt werden, „grade in Paderborn“. „Wir müssen den Bauern eine Alternative geben und ihnen andere Wege anbieten“, so Bärbel Höhn. Sie forderte mehr Einflussnahme auf die Art, wie Lebensmittel produziert werden. Nur der gemeinsame Weg sei die künftige Chance für Familienbetriebe.

Immerhin habe die EU es mittlerweile verstanden, die Gelder nicht nur über die Flächengröße der landwirtschaftlichen Betriebe zu vergeben. Gewässerschutz, Blühstreifen, regionale Vermarktung und Tierwohl nannte die Expertin als Ansatz, um verstärkt Bundesmittel in die Landwirtschaft zu leiten. „Wir müssen das mit den Bauern entwickeln“. 

Als „mehr als dürftig“, bezeichnete ein Zuhörer die bisherigen Maßnahmen. Die Politik habe seit Jahrzehnten weggeschaut, „wir werden nicht erleben, dass sich etwas ändern wird“. Als Biobauer fordert er, dass das Lebensmittelgesetz geändert werden muss. Und er wünschte sich, dass der Wert der Lebensmittel schon in den Schulen vermittelt wird. Das griff Bärbel Höhn gerne auf: „Die EU hat viele Fehler gemacht, als sie den Schlachthöfen immer größere Strukturen gab“ – allein über die Hygienevorschriften, die kleinere Betriebe kaum noch erfüllen können. Dass die deutschen Bauern immer mehr auf Wachstum setzen, funktioniert aber nicht, denn „andere Länder haben viel größere Flächen“. Und: „Die Begrenzungen werden immer größer, weil die Schäden and er Umwelt immer größer werden“, sagte sie mit Blick auf die Nitratwerte im Grundwasser. „Ich weiß nicht wie lange es noch gut geht“. Als Landwirtschaftsministerin hatte sie jeden großen Schweinestall in NRW verhindert – „dann kam Uhlenberg und jetzt gibt es mehr Schweine im Münsterland als Menschen“. 

Klaus Schröder, Paderborner Bürgermeisterkandidat, moderierte den Abend und bat die Referentin um die Einschätzung der Chancen für die Regionalvermarktung. Er erinnerte daran, dass es neben den zwei Wochenmärkten in Paderborn auch freitags den Palavermarkt gibt, „eine uralte grüne Initiative“. Damit rannte er offene Türen bei ihr ein: Es sei Sache der Kommunen, solche Regionalmärkte einzurichten, erklärte sie. Es sei der Mühe wert, das Lebensmittelgesetz zu verändern, denn „Fleisch müsste teurer sein“. Ein guter Ansatz sei, die Bevölkerung mitzunehmen: „Kinder sollten wieder kochen lernen“. Schon zu ihrer Zeit als Ministerin gab es Projekte, Kinder auf die Bauernhöfe zu schicken und gleichzeitig die Landfrauen in die Schulen zu holen. Statt jeden Tag Billigschnitzel zu servieren, setzt Bärbel Höhn auf den guten Sonntagsbraten.

Oft sei es nicht der Preis, der die Speisekarte beeinflusst, sondern die fehlende Zeit, gutes auch günstig zu kochen. Eine einfache Kennzeichnung der Lebensmittel würde dabei helfen. Bärbel Höhn gab zum Abschluss zu: „Auch ich kaufe nicht nur Bio“.

Knapp 40 Besucher wohnten der Diskussionsrunde bei. Wegen der Corona-Regelungen wurde der zweistündige Themenabend auch live ins Internet übertragen. Dort kann man sich die Inhalte nochmals anschauen: Bei Youtube unter „Grüne Paderborn“.

Vor dem Kolpingforum von links: Norika Creuzmann, Klaus Schröder, Bärbel Höhn, Petra TEbbe und Sabine Kramm.

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