Atomwirtschaft abschalten!

Norika Creuzmann zum Gedenken an die Tschernoyl-Katastrophe:

„Der Glaube, dass tödliche Risiken wie die Atomenergie beherrschbar sind, ist eine absolute menschliche Selbstüberschätzung.“

Es sollte nur ein Test sein. Ein Test, der gründlich schief ging. Ein Test, der vielen Menschen das Leben kostete. Heute vor 32 Jahren, am 26. April 1986, explodierte der Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl. Ich würde mal behaupten, dass bis zu diesem Tag für die wenigsten Menschen Tschernobyl ein Begriff war. Und wir laufen große Gefahr, dass Tschernobyl wieder in der Bedeutungslosigkeit versinkt. Aber infolge der Explosion gelangten immense Mengen radioaktiver Stoffe in die Erdatmosphäre. 40 Prozent der Gesamtfläche Europas wurde mit Cäsium-137 kontaminiert. Der Fallout nach Tschernobyl führte dazu, dass eine Fläche von insgesamt 200.000 Quadratkilometern verseucht wurde.

Was damals passierte, war kein Unfall – es war eine nukleare Apokalypse Direkt nach der Havarie mussten 116.000 Bewohner aus der unmittelbaren Umgebung des Unfallreaktors evakuiert werden. In den Folgejahren weitere 220.000. Tschernobyl war das erste Ereignis, das auf der siebenstufigen internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES) mit der Stufe 7 „Katastrophaler Unfall“ eingestuft wurde.

  • Und heute noch, nach 32 Jahren, ist die Situation vor Ort nach wie vor in der Anlage sehr gefährlich. An einen Rückbau oder auch nur eine Entnahme der kontaminierten Materialien aus dem explodierten Reaktor ist hier noch lange nicht zu denken.
  • Im Radius von 10 Kilometern um das Kernkraftwerk wird die Gegend noch für Zehntausende Jahre unbewohnbar bleiben.

Die Folgen eines Super-GAUs stellen die Menschheit vor nie da gewesene Probleme. Ob sie je vollständig zu bewältigen sein werden, ist fraglich. Atomkraft beherrschen zu wollen war von Anfang an Hybris. Menschliches Leid in Gestalt gesundheitlicher Schäden wird über Generationen weitergegeben. Seiner Verantwortung folgend, beschloss der Deutsche Bundestag nach dem Super-Gau von Fukushima fraktionsübergreifend, bis Ende 2022 alle deutschen Atomkraftwerke abzuschalten. Trotz dieses Beschlusses gibt es nach wie vor viele Inkonsequenzen in der Atompolitik, die bisher nicht angegangen werden. Ein ernst gemeinter Atomausstieg bedeutet mehr als Abschaltdaten für noch laufende Atomkraftwerke.

Dazu gehört unter anderem, dass die Urananreicherungsanlage Urenco in Gronau und die Atomfabrik ANF in Lingen geschlossen werden, da sie dazu beitragen, das Atomkarussell der Welt in Bewegung zu halten. Die Bundesregierung muss sich für die Abschaltung der grenznahen Atomkraftwerke in Belgien, Frankreich, der Schweiz und Tschechien einsetzen, die bedeutende Sicherheitsmängel aufweisen.  Die Regierung steckt sowohl über Euratom als auch über das nationale Energieforschungsprogramm nach wie vor viel Geld in atomare Forschung, die zum Teil ohne Mehrwert für unsere zukünftige Energieversorgung oder die nukleare Sicherheit ist.

Die für die Energieforschung zur Verfügung stehenden öffentlichen Gelder sollten daher vollständig für die weitere Erforschung erneuerbarer Energien investiert werden, um die noch offenen Baustellen der Energiewende zu bewältigen. Das sind nur wenige Punkte aus einem aktuellen Antrag der Grünen an den Bundestag.

Es ist ein Skandal, dass Energiepolitik im vereinten Europa eine rein nationale Angelegenheit ist. Wir haben ein umfassendes Regelwerk auf EU Ebene, so ist die Größe von Tomaten EU-weit einheitlich geregelt, aber die Atomaufsicht bleibt nationalen Empfindlichkeiten überlassen. Laut Recherchen des WDR gab es in den letzten Jahren eine deutliche Häufung sogenannter Precursor-Fälle im Reaktor Tihange-1. Darunter versteht man Zwischenfälle in einem Atomkraftwerk, die unter bestimmten Voraussetzungen zu schweren Schäden am Reaktorkern bis hin zur Kernschmelze führen können. Ähnliche Precursor Fälle gab es in Tschernobyl vor der Katastrophe. Ich will mir auch heute nicht vorstellen was passiert, wenn es zu einem Super Gau kommt. Panik, Massenflucht, Tote, versuchte Landstriche, mitten in Europa.

Doch wer sich hier in Sicherheit fühlt, da es 324 Kilometer bis nach Belgien sind: Bis zum Atomkraftwerk Grohnde sind es nur ca. 60 km nach Osten. Dort gab es nach Information der Initiative „Grohnde abschalten“ mehr als 230 Pannen in den vergangenen Jahren. Damit zählt Grohnde zu den „Störfall Spitzenreitern“ unter den deutschen Atomkraftwerken. Wir sind seit der Katastrophe in Tschernobyl vor 32 Jahren offenbar keinen Schritt weitergekommen.

Jeder Tag, den diese AKWs laufen, ist ein „Hochrisiko“ Tag! Aber auch abgeschaltete AKWs sind noch lange keine sicheren AKWs. Sie müssen gekühlt und jahrelang weiter von technischem Personal betreut und bewacht werden. Der strahlende hochradioaktive Müll lagert an über 100 Standorten. Und wir haben das größte ungelöste Entsorgungsproblem aller Zeiten.  Und werden es noch viele Generationen weiter haben und sind gleichzeitig mit Schuld daran, dass dieser teilweise für Millionen Jahre strahlende Müllberg immer weiterwächst.

Ich bin, ich kann es nicht anders sagen, fassungslos.

Kennen wir nicht alle den Spruch „Meine Kinder sollen es einmal besser haben“ Doch wir sind gerade systematisch dabei, die Lebensgrundlage für unsere Kinder und alle nachfolgenden Generationen zu beschädigen, und dass ausnahmsweise auch noch sehr nachhaltig. Der Glaube, dass tödliche Risiken wie die Atomenergie beherrschbar sind, ist absolute menschliche Selbstüberschätzung.

  • Ich will am Atomausstieg festhalten!
  • Ich will an der Energiewende festhalten!

Der Wegfall der AKWs macht Platz für mehr erneuerbare Energien im Netz. Jedes Jahr treffen wir uns an den Gedenktagen schwerster Atomkatastrophen. Bis wir das endgültige Ende der Atomkraft weltweit begehen werden, ist es noch ein langer Weg. Eine Kernschmelze im AKW Tihange oder Grohnde ähnlich wie in Fukushima, würde große Teile NRWs unbewohnbar machen. Denn: Radioaktivität kennt keine Grenzen.