Kurt Blaschke: „5 % unberührter Natur sollten wir Wildtieren, seltenen Pflanzen und der großen Zahl von Naturliebhabern gönnen“

Ein Zwischenruf für den Nationalpark von Kurt Blaschke, Altenbeken

Befragt man Nationalparkgegner und Unterzeichner nach ihren Motiven, dann bekommt man folgende Antworten. Neben der Zufriedenheit mit dem jetzigen Zustand wird am häufigsten die Befürchtung geäußert, dass der Wald mehr oder weniger dicht gemacht werden soll – bis hin zur Totalsperrung.

Es folgen mit Abstand die hier wahllos gewählten Argumente, dass sinnloses Totholz die optimale Nutzung der Holz-Ressourcen verhindere und viele Arbeitsplätze koste; dass ein Nationalpark Steuergelder verschlinge; dass Deputat-Holz nicht mehr zur Verfügung stehen soll; dass Borkenkäfer zur Plage werden; dass es im Urwald wegen fallender Bäume gefährlich ist und dass Verbuschung den freien Blick behindert und Gestank bis hin zu Allergien die Anwohner belästigen werden.

Mit der von unseren Ahnen ererbten Urangst vor Spinnen, wilden Tieren und dem finsteren Wald lassen auch wir modernen Menschen uns heute noch bange machen, während der tausendmal gefährlichere Straßenverkehr mit unzähligen Toten und Verletzten kaum noch jemanden beeindruckt – ein psychologisches Phänomen ( GEO März 2012).

Ein weiteres Phänomen ist, dass man kaum ein Problem hat, ein äußerst fragwürdiges Projekt wie Stuttgart 21 zu akzeptieren, mit dessen Kosten ein Nationalpark für tausend Jahre gefördert werden könnte, so es denn überhaupt nötig ist!

Borkenkäfer werden in Fichten-Monokulturen wegen der zunehmenden Erwärmung schon lange zur Plage. Man hat gelernt und wird in dem geplanten Nationalpark den gefährdeten Fichten-Bestand nicht verrotten lassen, sondern über 30 Jahre forciert nutzen!

Wenn in OWL trotz des Nationalparks mehr als 96 Prozent des Waldes in der Nutzung bleiben und heute 49 Prozent des Holzes in den Export geht, dann sollte man nicht auf das Märchen einer dramatischen Holzknappheit hereinfallen, die viele Arbeitsplätze kosten soll. Zudem werden Privatwälder gar nicht angetastet. Deputatholz wird ebenfalls nicht entzogen.

Buchenwälder verbuschen wegen der Dominanz dieser Baumart nicht, und in einem Urwald stinkt es auch nicht. Autoabgase und die maßlose Gülle-Verklappung sind sehr viel lästiger! Wer das anders sieht, sollte mal Besucher anderer Nationalparks befragen oder sich in Bad Lippspringe im Nationalpark-Informationszentrum kundig machen und zur Anschauung am besten mit Kindern und Enkeln unter Führung den nahen Naturwald erwandern.

Und nun zum befürchteten Betretungsverbot eines Nationalparks. Wenn jeder Bürger ganz für sich einmal nachrechnet,  wie viel Zeit er tatsächlich im Wald verbringt; wie häufig er dieselben Wege benutzt, und wann er zum letzten Mal auf Seitenpfaden oder verbotenerweise quer durch den Tann gegangen ist, dann kann er leicht nachrechnen, wie lange er braucht, um die gesamten 240 km frei zugänglicher Waldwege abzuwandern, die z.B. im Nationalpark Eifel (vergleichbare Ausmaße) auch ohne Ranger und ohne Eintritt zur Verfügung stehen. Eine kleine Berechnungshilfe: ein Spaziergänger oder Wanderer schafft je nach Gelände etwa drei bis sechs km pro Stunde. Ich behaupte aus eigener Beobachtung, dass deutlich mehr als drei Viertel der Anwohner eine solche Wald-Strecke nicht in zehn Jahren schafft. Also könnte eine notwendige Einschränkung nur für eine Minderheit einen Verzicht bedeuten, den die meisten evtl. Betroffenen aus Einsicht aber gerne leisten. Schließlich bleiben wir in einem Kurpark doch auch brav auf den zugewiesenen Wegen und latschen nicht quer über den Rasen und durch Blumenbeete.

Ich stehe hinter der Absicht der Bundesregierung, der kleinen Minderheit von Jägern, den Waldarbeitern, der Holzindustrie und den Holzofen-Besitzern in Deutschland den großen Batzen von 95 Prozent des Waldes, der ihnen nicht gehört, zur Nutzung zu lassen sowie den privaten Waldbesitzern die zugesagten 100 Prozent. Den geringen Anteil von fünf Prozent unberührter Natur sollte man aber den Wildtieren, den seltenen Pflanzen und der großen Zahl von Menschen gönnen, die die Natur lieben und die Schöpfung in ihrer Unversehrtheit bejahen. Das ist sehr bescheiden – und unsere Enkel danken es uns!

Der Text von Kurt Blaschke ist zuerst im Westfälischen Volksblatt und in der Neuen Westfälischen publiziert worden.

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